Der Weg, den man nicht plant

16. Januar 2026

Wie ich aus den Steinen vor meinen Füßen mein Fundament gebaut habe

Diese Geschichte ist ein Manifest, ich notiere sie für mich und meine Kinder, weil man schnell vergisst, doch ich möchte nichts vergessen, denn diese Geschichte hat mich zu der gemacht, die ich heute sein darf, und dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich war etwas über fünfzehn, als ich meinen ersten Mann kennengelernt habe. Meine erste große Liebe. Wir sind zusammen erwachsen geworden, haben Entscheidungen getroffen, von denen wir glaubten, sie seien für immer, und waren uns ziemlich sicher, dass unser Leben ungefähr so laufen wird, wie wir es uns in den buntesten Farben ausgemalt haben – wenn wir uns nur genug anstrengen. 

Wir sind gemeinsam in die Großstadt gezogen, haben studiert, fantastische Zukunftspläne gesponnen und ganz bald unser erstes Wunschkind in den Armen gehalten. Wegen ihr sind wir an den Stadtrand gezogen, raus aus dem Lärm und rein ins Grüne. Hausbau mit 22, rückblickend frage ich mich heute noch, woher wir diesen Mut genommen haben, aber damals erschien uns das völlig logisch. Geheiratet mit 26, zweite Tochter mit 27, dritte Tochter mit 30. Drei kleine Kinder, ein kleines Reihenhaus im Grünen und finanziell immer eher sportlich unterwegs (positiv formuliert). Ich in Teilzeitarbeit, er ein Vollverdiener, wer erinnert sich noch an die Wirtschaftskrise ?– und ich mit einem Studienabschluss mit Auszeichnung in der Tasche und dem lauten Wunsch, nicht nur als Mama zu funktionieren, sondern auch beruflich meinen Platz zu finden. Am liebsten an der Uni. 

Mein Mann war sehr erfolgreich in seinem Job. Und er hatte einen Traum, das Segeln. Dieser Traum war plötzlich da und ließ ihn einfach nicht mehr los. Und wie das so ist, wenn jemand einen Traum hat, der größer wird als der Alltag: er rannte los, machte Prüfungen, viele Kurse, lernte eifrig ganze Nächte durch. Wir hatten diesen gemeinsamen Traum von einer Weltumsegelung, irgendwann, mit den Mädels. Ein großes Irgendwann, das sich echt gut anfühlte.

In der Nacht vor der großen Prüfung für den Fahrtenbereich 3 hat ihm der Sturm das Leben genommen. Er ist im Meer ertrunken. Mit 37. Mitten aus dem Leben gerissen.

Ich war 33. Drei kleine Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Wir hatten Schulden und viel Verantwortung. Und da gab es einen Moment, der sich eingebrannt hat wie kein anderer. Als die Krisenintervention der Polizei vor mir stand, sah ich nur deren Ärmel – dieses Abzeichen mit dem Schriftzug "KRISENINTERVENTION" und ich wusste sofort, die sind nicht wegen einer Kleinigkeit da. Mein Mann, der Papa meiner Kinder, ist tot. Und er wird nie mehr zurückkommen.

Ich hatte keine Zeit zu trauern, wirklich keine. Drei Halbwaisen wollten gehalten werden, eine schwangere Schwägerin, verwaiste Eltern und Freunde, die selbst nicht wussten, wohin mit ihrem Schmerz. Dazu finanzielle und rechtliche Baustellen, für die man normalerweise Jahre hat – ich hatte Wochen, für manches nur Tage. Ich habe NIE gefragt, warum. Nicht aus Stärke, sondern aus einer tiefen Überzeugung heraus, dass das Leben keinen Fehler macht. Dass man nur das bekommt, was man auch tragen kann. Also bin ich losgegangen. Für meine Töchter und für mich selbst.

Die Nächte waren dunkel und lang. Manchmal dachte ich beim Aufwachen, alles sei nur ein böser Traum gewesen und dann war sofort wieder klar: nein, das ist real. Und nein, ich bin kein Einzelschicksal. Es passiert jeden Tag. Viele sagten damals, ich sei so stark. Und ja, vielleicht war ich das. Oder ich hatte einfach keine Zeit, es mir anders zu überlegen. Aufgeben war keine Option. Punkt.

Spiritualität spielte zu dieser Zeit keine Rolle in meinem Leben. Ich hätte vermutlich nicht einmal erklären können, was das genau sein soll. Und doch war genau der Tod meines Mannes meine Einweihung, also mein Aufwachmoment. Ich erlebte Dinge, über die man nicht laut spricht, weil man sonst schnell in eine Schublade gesteckt wird. Wahrnehmungen, Begegnungen, Hilfen, kleine und große Wunder.

Kurz vor seinem Tod war der Wunsch nach einem Hund bei den 3 Mädels und mir sehr groß gewesen. Mein Mann war kein Tierfreund und hatte gesagt: „Wenn ich einmal nicht mehr da bin, dann holt ihr euch einen Hund.“ Kinder vergessen so etwas nicht. Und so kam über Umwege nicht nur ein Hund zu uns – Olivia Ahyoka, die Friedvolle, die Fröhlichkeit brachte – sondern auch eine Frau, die unser Leben nachhaltig verändern sollte. Christina. Geistheilerin. Damals war mir dieser Begriff völlig fremd, aber ich vertraute der Empfehlung meiner Freundin. Sie begleitete die Seele meines Mannes, half meinen Kindern und half mir. Monate lang. Und das täglich. Rückblickend war das eine der größten Geschenke dieser Zeit: Hilfe annehmen zu können.

Mein einziges Ziel war, die ersten zwölf Monate nach seinem Tod zu bestehen. Jeden Moment das erste Mal allein zu erleben. Geburtstage, Feiertage, Jahrestage. Und ja – wir haben jeden einzelnen Tag gerockt. Nach einem Jahr schrieb ich einen Brief. Einen Text. Ein Zeugnis dieses Weges. Du kannst ihn hier nachlesen. 

Jahre später erst meldete sich mein Körper. Ich bekam Panikattacken. Unterdrückte Gefühle, ein Riss im Urvertrauen. Und auch das durfte ich lernen: nicht gegen  sie zu kämpfen, sondern ihnen zuzuhören. Die Panik als Wächterin zu sehen, die sagt: Tanja jetzt bitte wieder langsamer. Es war kein einfacher Weg (und zwischendurch dachte ich ca 1000 Mal dran alles hinzuschmeissen). Aber wir haben auch den geschafft.

Relativ kurz nach dem Tod meines ersten Mannes trat ein neuer Mann in mein Leben. Ungeplant, und doch, wie sich ganz bald herausstellte, sehr wohl verabredet. Mit ihm gehe ich nun seit über zehn Jahren durchs Leben. Wir sind eine Patchworkfamilie, 6 Kinder, großes Chaos, lautes Lachen, viel Überforderung und ganz viel Wachstum durch Reibung. Und ja – wir durften noch eine gemeinsame Tochter bekommen. Unsere Räubertochter. Die, die alles verbindet.

In den letzten 6-7  Jahren wurde der Wunsch nach örtlicher Veränderung immer lauter. Vor über 6 Jahren träumte ich eines Nachts von einem blauen Ofen, einem Tischherd mit Brotbackofen. Meine Träume tragen häufig Botschaften, also hörte ich genau hin. Wir suchten also sechs Jahre lang nach diesem Ofen. Nichts. Wir verwarfen die Idee irgendwann, dachten über eine Weltreise nach und verwarfen auch das. Im Frühling 2025 schickte mir Christina, ja jene Frau, die mir Jahre zuvor in einer Zeit den Rücken gestärkt hatte, in der nichts mehr sicher schien – ganz unspektakulär einen Facebook-Link und schrieb dazu nur: „Schau, hier ist dein blauer Ofen.“ Ich klickte drauf. Und irgendetwas in mir wusste sofort, noch bevor der Kopf überhaupt mitreden durfte: Den schauen wir uns an. Einfach so. (oder der gehört uns?)

Wir fuhren also hin, 30 Minuten später standen wir wieder draußen, sahen einander an und lachten dieses ungläubige Lachen, das man hat, wenn man merkt, dass gerade etwas entschieden wurde, ohne dass man es geplant hat. Unser Für-immer-Zuhause. Südburgenland. Jetzt und nicht irgendwann. Lustigerweise war es genau dieses Jahr, in dem 2 unserer Kinder maturierten, eines die Pflichtschule abschloss und die Jüngste ihr letztes Kindergartenjahr hatte – rückblickend also jener Moment, den man später als perfektes Timing bezeichnet, obwohl man ihn in Wahrheit einfach nur gefühlt hat.

Wir fanden eine schnuckelige Studentenwohnung für die 2 Großen, neue Schulen für die Kleinen und verkauften unser altes Haus in Rekordzeit und standen plötzlich da, mit Sack und Pack, Hunden und Katze, mitten im Sommer 2025 im Südburgenland und fragten uns kurz, sehr kurz nur, ob wir eigentlich noch ganz bei Trost sind – um im nächsten Moment zu wissen: Ja, genau so.

Hier leben wir nun, am Krafthof Naeli, einem Ort, der nicht geplant war, sondern uns zu sich gerufen hat. Naeli ist mein Seelenname. Er kam zu mir vor Jahren in einer Meditation am Meer und er bedeutet: Gott liebt dich. Hier steht nun der blaue Ofen aus meinem Traum, 100 Jahre alt, und so wie ich mit Pflanzen spreche, spricht auch er mit mir. Er wünscht sich ein Fest. Also backe ich Brot, pflanze im Frühling Gemüse, werde Kräuter wachsen lassen und lerne jeden Tag ein Stück mehr, langsamer zu werden.

Hier im Südburgenland scheint die Sonne öfter, das Gras ist grüner, der Wein schmeckt süßer, oder vielleicht habe ich einfach gelernt, genauer hinzuschmecken. Hier gehe ich auf den Spuren meiner AhnInnen aus Ungarn. Hier fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zuhause.

Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich: jeder Stein war wichtig, wirklich jeder einzelne. Und sie tragen mich.

Das Leben ist kein Ziel. Es ist der Weg selbst.

Das Leben ist schön. Punkt.
Naeli
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f 31. August 2026
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Oder: Warum wir das Leben vorwärts leben und manchmal erst ein paar Stunden später verstehen, warum es uns in eine andere Richtung geschickt hat.
15. August 2026
Manchmal verändert sich das Leben innerhalb weniger Sekunden. Du stehst irgendwo, mitten in deinem Sein, denkst an vollkommen alltägliche Dinge – und plötzlich gibt es ein Davor und ein Danach. Bei mir war dieses Irgendwo der Trojanipass vergangenes Wochenende. Ich kam gerade aus einem grenzgenialen superlustigen Mädelsurlaub mit meiner Schwägerin. Unserem ersten übrigens, obwohl wir uns seit mehr als 30 Jahren kennen. Wir gönnten uns ein Wochenende in Piran in Slowenien, hatten unglaublich viel Spaß, gelacht, gelebt, Wein genossen und beschlossen auf der Heimfahrt ganz spontan, noch bei der Krapfenwirtin am Trojanipass stehenzubleiben. Ein Krapfen für die Daheimgebliebenen. Klingt eigentlich nach einem ziemlich guten Plan, oder? Ich ging Richtung Toilette, direkt vor dem Haupteingang, als ich plötzlich einen Stoß wahrnahm. Ich erinnere mich an diesen Sekundenbruchteil ziemlich genau. Da war dieser Stoß und gleichzeitig der Gedanke: Jetzt fliege ich. Warum fliege ich? Ich verstand in diesem Moment überhaupt nicht, was gerade mit mir passierte. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich stützte mich ab und landete auf meinen Armen, auf meinem linken Daumen und meiner rechten Handfläche. Und dann tat ich etwas, das ich heute mit ein paar Tagen Abstand sehr interessant finde. Ich sprang sofort wieder auf. Ich drehte mich seitlich um und sah ein Auto. Ein älterer Mann saß am Steuer. Er hatte mich offenbar touchiert und war stehen geblieben. Wir konnten uns sprachlich nicht verständigen. Und ich? Ich sagte sinngemäß: Mir ist nichts passiert. Ich sah an mir runter und ich blutete schließlich auch nirgends. Mein Kopf hatte den Boden verschont :-) Ich stand auf meinen Beinen. Also war doch alles gut. Oder? Heute sehe ich diese wenigen Sekunden mit anderen Augen. Das Auto- der Aufprall - der Boden - sofort Aufstehen - mich kurz Orientieren und Weitermachen. Es ist eine Abfolge von Handlungen, die mein Körper offenbar sehr gut kennt. Denn wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich dieses Muster in beinahe jeder großen Krisensituation: Zuerst habe ich funktioniert. Wenn mein Leben wild wurde, nahm ich das Ruder noch fester in die Hand. Ich organisierte, regelte, entschied und ich trug. Ich kümmerte mich und ich fand Lösungen. Das Ruder festzuhalten ist eine meiner großen Fähigkeiten. Vielleicht sogar eine meiner Überlebensstrategien? Und deshalb sprang ich auch an diesem Sonntag Nachmittag sofort wieder auf. Mein Körper lag gerade auf dem Asphalt und irgendein Teil in mir sagte bereits: weiter Tanja. Ich ging auf die Toilette und bemerkte dort, dass ich mich irgendwie unwohl fühlte. Als ich zu meiner Schwägerin zurückkam, sah sie mich an und sagte, ich sei ganz weiß im Gesicht. Der Schock war längst da, auch wenn mein Verstand noch versuchte, die Situation einzuordnen. Ich rief meine Freundin an, die ebenfalls Heilerin ist, erzählte ihr, was passiert war, und ließ mich von ihr begleiten. Plötzlich war mir zum Weinen. Wir machten kalte Umschläge auf meine Hand und meinen Nacken und irgendwann fuhren wir weiter. Der erste Schock ließ nach. Die Schmerzen in meiner Hand wurden stärker. Und am nächsten Morgen kam mein Körper. So kann ich es bis heute am besten beschreiben: Ich fühlte mich zersplittert. Zerschlagen. Mein ganzer Körper schmerzte. Mein Nacken tat weh, mein Kopf tat weh und gleichzeitig fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise von mir selbst abgetrennt. Als wäre etwas in mir noch gar nicht vollständig zurückgekehrt. Also legte ich mich auf meine geliebte Pranamatte und begann zu meditieren. Und dort geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Ich traf meinen Bruder. Mein Bruder starb im Jahr 2000. Und seit seinem Tod hatte ich ihn auf diese Weise kein einziges Mal erlebt. Jetzt war er da. Und er umarmte mich. Ich begann während der Meditation zu weinen und als ich wieder ganz ins Hier und Jetzt zurückkam, liefen mir immer noch dicke Tränen über das Gesicht. Diese Begegnung hat etwas in mir geöffnet. Denn plötzlich wurde mir mit einer Klarheit, die ich kaum in Worte fassen kann, bewusst: Ich hätte sterben können. Ein Auto hatte mich angefahren. Dieses Mal war es glimpflich ausgegangen. Und trotzdem war da auf einmal dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit meines Lebens. Nicht theoretisch. Körperlich. Ich hatte gerade am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich innerhalb eines einzigen Augenblicks alles verändern kann. Und in meiner Meditation fühlte es sich an, als hätte mein Bruder mir noch etwas anderes gezeigt. Dass er da gewesen ist. Dass er mich empfangen hätte. Dass er sich total gefreut hat, mich wiederzusehen. Und gleichzeitig spürte ich etwas vollkommen anderes in mir. Eine Entscheidung. Ich bleibe. Ich habe mich noch einmal für dieses Leben entschieden. Vielleicht lässt sich eine spirituelle Erfahrung niemals vollständig mit Worten erklären. Und vielleicht braucht sie das auch gar nicht. Ich kann lediglich erzählen, wie sie sich für mich angefühlt hat. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich mich noch einmal bewusst für dieses Leben entschieden. Für dieses Leben, für meinen Körper, für meine Familie, für meinen Partner. Für meine Kinder, für unsere Tiere, für unseren Hof. Für all die vollkommen unspektakulären Tage, an denen Hühner gefüttert, Pflanzen gegossen, Essen gekocht, Wäsche gewaschen und Brot gebacken wird. Für das Lachen, für das Lieben. Für das Menschsein. Für all das, was noch durch mich gelebt werden möchte. Ich bleibe. Und nachdem ich diese Entscheidung gespürt hatte, tat ich etwas, das für mich vielleicht genauso bedeutsam war: Ich ließ mich halten. Ich habe unglaublich viel geweint. Ich suchte die Nähe meines Partners. Ich erzählte meiner Mama von meiner Erfahrung und ließ mich von ihr trösten. Und irgendwann bemerkte ich, wie wohltuend es war, gerade selbst einmal überhaupt keinen Raum für jemanden halten zu müssen. Ich durfte diejenige sein, die gehalten wird. Das klingt so einfach. Für mich ist es das gerade überhaupt nicht. Ich bin es gewohnt, Räume zu halten. Für meine Familie, für Frauen, für Klientinnen. Für Menschen, die mit ihren Geschichten zu mir kommen. Ich begleite, fühle, höre, nehme wahr, gebe Impulse, öffne Räume. Und plötzlich wollte etwas in mir genau die entgegengesetzte Bewegung. Zu mir, nach innen, in die Stille. Ich bat deshalb auch die Menschen in meinem Umfeld, von Ratschlägen abzusehen. Denn diesen Prozess will ich selbst durchschreiten, ich will hören, was meine eigene Seele mir erzählt. Ich will meine Wahrnehmung spüren, bevor andere Menschen ihre Wahrnehmungen darüberlegen. Es gibt diesen Satz: a uch Ratschläge sind Schläge. Nach einem tatsächlichen körperlichen Aufprall bekommt dieser Satz für mich gerade eine vollkommen neue Bedeutung. Mein System hatte genug Input bekommen. Jetzt brauche ich Raum. Je länger ich in den vergangenen Tagen mit diesem Erlebnis sitze, desto stärker empfinde ich den Unfall auch symbolisch. Ein Auto in Bewegung- Geschwindigkeit - Außenwelt - Vorwärts - im Tun. Für mich trägt all das eine starke Yang-Energie. Und genau diese Energie trifft mich. Sie bringt mich zu Fall. Und meine unmittelbare Reaktion? Aufspringen. Natürlich war das eine Schockreaktion. Und gleichzeitig erkenne ich darin heute etwas aus meinem ganzen Leben wieder. Wenn etwas passiert, stehe ich auf. Wenn es schwierig wird, übernehme ich das Ruder. Wenn ein Sturm kommt, halte ich es eben noch ein bisschen fester. Ich kann das, verdammt gut sogar. Diese Fähigkeit hat mich durch einige der dunkelsten Stunden meines Lebens getragen. Heute frage ich mich allerdings etwas anderes: Muss ich das Ruder wirklich immer in der Hand halten? Seit diesem Unfall zieht es mich in eine vollkommen andere Energie. In die Stille, ins Schlafen, ins Weinen, ins Empfangen, in die Meditation. Zu meinem Partner, zu meiner Familie, zu meinen Tieren, zu meinem Zuhause, zu mir. Vom Yang ins Yin. Vom Machen ins Sein. Vom Halten ins Gehaltenwerden. Vom Geben ins Empfangen. Vom Außen ins Innen. Und vermutlich liegt genau hier mein eigentlicher Weckruf. Dieser Unfall erzählt mir weniger davon, was ich in Zukunft alles verändern soll. Er lädt mich vielmehr dazu ein, eine andere Qualität des Lebens kennenzulernen. Eine, in der ich das Ruder manchmal lockerer halte. Eine, in der ich dem Leben zutraue, ebenfalls eine Strömung zu besitzen. Heute habe ich wieder meditiert, wie jeden Tag seit diesem speziellen Sonntag. Und in dieser Meditation bekam ich von meinem Geistführer einen sehr klaren Impuls: Komm erst zurück, wenn deine blauen Flecken verschwunden sind. Außerdem kamen zwei weitere Impulse: Mein Bewusstsein auszudehnen und Zitronenwasser zu trinken. Ich musste über Letzteres direkt ein bisserl schmunzeln. So sind meine Meditationen ganz oft:-) Große kosmische Botschaften treffen auf Zitronenwasser. Willkommen in meinem verrückten Leben. Doch gerade das Bild meiner blauen Flecken berührt mich. Mein Körper trägt im Moment sichtbar die Spuren dessen, was geschehen ist. In blau- lila-grün-Tönen. Sie verändern sich jeden Tag. Mein Körper ist in Heilung. Und während mein Körper diese sichtbaren Spuren verwandelt, darf offenbar auch in meinem Inneren etwas seine Gestalt verändern. Deshalb möchte ich gerade gar keine Entscheidung darüber treffen, wann ich wieder zurückkehre, oder wie, oder wohin überhaupt. Vielleicht darf meine Haut mir diesmal den Rhythmus vorgeben. Seit dem Unfall denke ich viel über Lebensenergie nach. Denn wenn einem plötzlich bewusst wird, dass auch diese Inkarnation endlich ist, verändert sich der Blick darauf, wofür man seine Energie verwendet. Meine Lebensenergie ist mir unglaublich kostbar. Sie ist die Kraft, mit der ich liebe. Mit der ich meine Kinder umarme, mit der ich meinen Partner berühre. Mit der ich Brot backe und mit der ich meine Tiere versorge. Mit der ich hier meinen geliebten Blog schreibe. Mit der ich Frauen begleite. Mit der ich lache, weine, denke, träume, gärtnere, koche, lerne und erschaffe. Diese Energie ist mein Leben. Und ich werde zukünftig noch viel bewusster damit umgehen. Weniger aus einem Gefühl des permanenten Verfügbarseins heraus. Mehr aus Fülle und aus Verkörperung. Mehr aus einem inneren ganz lauten Ja. Ich spüre gerade sehr deutlich: Ich möchte mein Leben zuerst leben und irgendwann darüber erzählen. Ich möchte Erfahrungen erst durch meinen Körper wandern lassen. Ich möchte sie schmecken und ich möchte sie verdauen. Ich möchte sie zu meiner eigenen Wahrheit werden lassen. Und irgendwann dürfen Worte daraus entstehen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.... In den vergangenen Wochen beschäftigt mich immer wieder das Bild des Gefäßes. Und inzwischen verstehe ich langsam, warum. Ein Gefäß rennt dem Wasser nicht hinterher. Es muss den Fluss nicht kontrollieren. Es hält sich bereit, es empfängt, es lässt sich füllen. Und aus einem gefüllten Gefäß kann etwas weiterfließen. Viel zu lange habe ich geglaubt, ich müsste vor allem diejenige sein, die das Ruder hält. Aber was geschieht, wenn ich zum Gefäß werde? Wenn ich mich einfach vom Leben füllen lasse? Wenn meine Kraft weniger daraus entsteht, dass ich alles unter Kontrolle halte, und mehr daraus, dass ich tief mit mir verbunden bin? Wenn ich empfange, bevor ich gebe? Wenn ich mich halten lasse, bevor ich andere halte? Ich fühle, hier beginnt eine vollkommen andere Form von Kraft. Eine weichere, eine weiblichere, eine, die weniger beweisen muss. Eine, die aus der Tiefe entsteht. Ich weiß noch nicht, welche Frau zurückkommen wird. Und genau deshalb endet dieser Text heute mitten in der Geschichte. Meine blauen Flecken sind noch da. Mein Körper heilt, ab und an weine ich noch. Ich schlafe viel. Ich meditiere und tanze. Frühmorgens neben den Hühnern. Sie finden das super spannend :-) Ich lasse mich halten, ich höre mir selbst zu... Ja und natürlich trinke ich mein Zitronenwasser. Und ich habe gerade überhaupt kein Bedürfnis, aus dieser Erfahrung bereits ein fertiges Konzept zu machen. Nicht jede Erfahrung braucht einen sofortigen Sinn. Zu allererst braucht sie Raum zum Atmen und Werden. Mein Bruder hat mich umarmt. Ich habe gespürt, dass ich bleiben möchte. Und seitdem frage ich mich mehrmals am Tag, wie ich dieses Bleiben für mich gestalten möchte. Denn wenn ich mich noch einmal für dieses Leben entschieden habe, dann möchte ich auch wirklich hier sein. In meinem Körper, bei den Menschen, die ich liebe. In meinem Zuhause, in meiner Freude, in meiner Stille, in meiner Arbeit. In meiner Seele. Mit meiner ganzen Lebenskraft . Ich weiß heute noch nicht, welche Frau zurückkommen wird, wenn meine blauen Flecken verschwunden sind. Aber ich bin heute schon ziemlich sicher, sie wird das Ruder ein wenig lockerer in ihren Händen halten. Ganz sicher wird sie öfter den Kopf heben, den Wind spüren und sich daran erinnern, dass ein Fluss seine eigene Richtung kennt. Ich wünsche mir mein Vertrauen besteht irgendwann genau darin: mich vom Leben tragen zu lassen, während meine Hände frei werden. Das Leben ist schön. Punkt.
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f 30. Juli 2026
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