Der Weg, den man nicht plant

16. Januar 2026

Wie ich aus den Steinen vor meinen Füßen mein Fundament gebaut habe

Diese Geschichte ist ein Manifest, ich notiere sie für mich und meine Kinder, weil man schnell vergisst, doch ich möchte nichts vergessen, denn diese Geschichte hat mich zu der gemacht, die ich heute sein darf, und dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich war etwas über fünfzehn, als ich meinen ersten Mann kennengelernt habe. Meine erste große Liebe. Wir sind zusammen erwachsen geworden, haben Entscheidungen getroffen, von denen wir glaubten, sie seien für immer, und waren uns ziemlich sicher, dass unser Leben ungefähr so laufen wird, wie wir es uns in den buntesten Farben ausgemalt haben – wenn wir uns nur genug anstrengen. 

Wir sind gemeinsam in die Großstadt gezogen, haben studiert, fantastische Zukunftspläne gesponnen und ganz bald unser erstes Wunschkind in den Armen gehalten. Wegen ihr sind wir an den Stadtrand gezogen, raus aus dem Lärm und rein ins Grüne. Hausbau mit 22, rückblickend frage ich mich heute noch, woher wir diesen Mut genommen haben, aber damals erschien uns das völlig logisch. Geheiratet mit 26, zweite Tochter mit 27, dritte Tochter mit 30. Drei kleine Kinder, ein kleines Reihenhaus im Grünen und finanziell immer eher sportlich unterwegs (positiv formuliert). Ich in Teilzeitarbeit, er ein Vollverdiener, wer erinnert sich noch an die Wirtschaftskrise ?– und ich mit einem Studienabschluss mit Auszeichnung in der Tasche und dem lauten Wunsch, nicht nur als Mama zu funktionieren, sondern auch beruflich meinen Platz zu finden. Am liebsten an der Uni. 

Mein Mann war sehr erfolgreich in seinem Job. Und er hatte einen Traum, das Segeln. Dieser Traum war plötzlich da und ließ ihn einfach nicht mehr los. Und wie das so ist, wenn jemand einen Traum hat, der größer wird als der Alltag: er rannte los, machte Prüfungen, viele Kurse, lernte eifrig ganze Nächte durch. Wir hatten diesen gemeinsamen Traum von einer Weltumsegelung, irgendwann, mit den Mädels. Ein großes Irgendwann, das sich echt gut anfühlte.

In der Nacht vor der großen Prüfung für den Fahrtenbereich 3 hat ihm der Sturm das Leben genommen. Er ist im Meer ertrunken. Mit 37. Mitten aus dem Leben gerissen.

Ich war 33. Drei kleine Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Wir hatten Schulden und viel Verantwortung. Und da gab es einen Moment, der sich eingebrannt hat wie kein anderer. Als die Krisenintervention der Polizei vor mir stand, sah ich nur deren Ärmel – dieses Abzeichen mit dem Schriftzug "KRISENINTERVENTION" und ich wusste sofort, die sind nicht wegen einer Kleinigkeit da. Mein Mann, der Papa meiner Kinder, ist tot. Und er wird nie mehr zurückkommen.

Ich hatte keine Zeit zu trauern, wirklich keine. Drei Halbwaisen wollten gehalten werden, eine schwangere Schwägerin, verwaiste Eltern und Freunde, die selbst nicht wussten, wohin mit ihrem Schmerz. Dazu finanzielle und rechtliche Baustellen, für die man normalerweise Jahre hat – ich hatte Wochen, für manches nur Tage. Ich habe NIE gefragt, warum. Nicht aus Stärke, sondern aus einer tiefen Überzeugung heraus, dass das Leben keinen Fehler macht. Dass man nur das bekommt, was man auch tragen kann. Also bin ich losgegangen. Für meine Töchter und für mich selbst.

Die Nächte waren dunkel und lang. Manchmal dachte ich beim Aufwachen, alles sei nur ein böser Traum gewesen und dann war sofort wieder klar: nein, das ist real. Und nein, ich bin kein Einzelschicksal. Es passiert jeden Tag. Viele sagten damals, ich sei so stark. Und ja, vielleicht war ich das. Oder ich hatte einfach keine Zeit, es mir anders zu überlegen. Aufgeben war keine Option. Punkt.

Spiritualität spielte zu dieser Zeit keine Rolle in meinem Leben. Ich hätte vermutlich nicht einmal erklären können, was das genau sein soll. Und doch war genau der Tod meines Mannes meine Einweihung, also mein Aufwachmoment. Ich erlebte Dinge, über die man nicht laut spricht, weil man sonst schnell in eine Schublade gesteckt wird. Wahrnehmungen, Begegnungen, Hilfen, kleine und große Wunder.

Kurz vor seinem Tod war der Wunsch nach einem Hund bei den 3 Mädels und mir sehr groß gewesen. Mein Mann war kein Tierfreund und hatte gesagt: „Wenn ich einmal nicht mehr da bin, dann holt ihr euch einen Hund.“ Kinder vergessen so etwas nicht. Und so kam über Umwege nicht nur ein Hund zu uns – Olivia Ahyoka, die Friedvolle, die Fröhlichkeit brachte – sondern auch eine Frau, die unser Leben nachhaltig verändern sollte. Christina. Geistheilerin. Damals war mir dieser Begriff völlig fremd, aber ich vertraute der Empfehlung meiner Freundin. Sie begleitete die Seele meines Mannes, half meinen Kindern und half mir. Monate lang. Und das täglich. Rückblickend war das eine der größten Geschenke dieser Zeit: Hilfe annehmen zu können.

Mein einziges Ziel war, die ersten zwölf Monate nach seinem Tod zu bestehen. Jeden Moment das erste Mal allein zu erleben. Geburtstage, Feiertage, Jahrestage. Und ja – wir haben jeden einzelnen Tag gerockt. Nach einem Jahr schrieb ich einen Brief. Einen Text. Ein Zeugnis dieses Weges. Du kannst ihn hier nachlesen. 

Jahre später erst meldete sich mein Körper. Ich bekam Panikattacken. Unterdrückte Gefühle, ein Riss im Urvertrauen. Und auch das durfte ich lernen: nicht gegen  sie zu kämpfen, sondern ihnen zuzuhören. Die Panik als Wächterin zu sehen, die sagt: Tanja jetzt bitte wieder langsamer. Es war kein einfacher Weg (und zwischendurch dachte ich ca 1000 Mal dran alles hinzuschmeissen). Aber wir haben auch den geschafft.

Relativ kurz nach dem Tod meines ersten Mannes trat ein neuer Mann in mein Leben. Ungeplant, und doch, wie sich ganz bald herausstellte, sehr wohl verabredet. Mit ihm gehe ich nun seit über zehn Jahren durchs Leben. Wir sind eine Patchworkfamilie, 6 Kinder, großes Chaos, lautes Lachen, viel Überforderung und ganz viel Wachstum durch Reibung. Und ja – wir durften noch eine gemeinsame Tochter bekommen. Unsere Räubertochter. Die, die alles verbindet.

In den letzten 6-7  Jahren wurde der Wunsch nach örtlicher Veränderung immer lauter. Vor über 6 Jahren träumte ich eines Nachts von einem blauen Ofen, einem Tischherd mit Brotbackofen. Meine Träume tragen häufig Botschaften, also hörte ich genau hin. Wir suchten also sechs Jahre lang nach diesem Ofen. Nichts. Wir verwarfen die Idee irgendwann, dachten über eine Weltreise nach und verwarfen auch das. Im Frühling 2025 schickte mir Christina, ja jene Frau, die mir Jahre zuvor in einer Zeit den Rücken gestärkt hatte, in der nichts mehr sicher schien – ganz unspektakulär einen Facebook-Link und schrieb dazu nur: „Schau, hier ist dein blauer Ofen.“ Ich klickte drauf. Und irgendetwas in mir wusste sofort, noch bevor der Kopf überhaupt mitreden durfte: Den schauen wir uns an. Einfach so. (oder der gehört uns?)

Wir fuhren also hin, 30 Minuten später standen wir wieder draußen, sahen einander an und lachten dieses ungläubige Lachen, das man hat, wenn man merkt, dass gerade etwas entschieden wurde, ohne dass man es geplant hat. Unser Für-immer-Zuhause. Südburgenland. Jetzt und nicht irgendwann. Lustigerweise war es genau dieses Jahr, in dem 2 unserer Kinder maturierten, eines die Pflichtschule abschloss und die Jüngste ihr letztes Kindergartenjahr hatte – rückblickend also jener Moment, den man später als perfektes Timing bezeichnet, obwohl man ihn in Wahrheit einfach nur gefühlt hat.

Wir fanden eine schnuckelige Studentenwohnung für die 2 Großen, neue Schulen für die Kleinen und verkauften unser altes Haus in Rekordzeit und standen plötzlich da, mit Sack und Pack, Hunden und Katze, mitten im Sommer 2025 im Südburgenland und fragten uns kurz, sehr kurz nur, ob wir eigentlich noch ganz bei Trost sind – um im nächsten Moment zu wissen: Ja, genau so.

Hier leben wir nun, am Krafthof Naeli, einem Ort, der nicht geplant war, sondern uns zu sich gerufen hat. Naeli ist mein Seelenname. Er kam zu mir vor Jahren in einer Meditation am Meer und er bedeutet: Gott liebt dich. Hier steht nun der blaue Ofen aus meinem Traum, 100 Jahre alt, und so wie ich mit Pflanzen spreche, spricht auch er mit mir. Er wünscht sich ein Fest. Also backe ich Brot, pflanze im Frühling Gemüse, werde Kräuter wachsen lassen und lerne jeden Tag ein Stück mehr, langsamer zu werden.

Hier im Südburgenland scheint die Sonne öfter, das Gras ist grüner, der Wein schmeckt süßer, oder vielleicht habe ich einfach gelernt, genauer hinzuschmecken. Hier gehe ich auf den Spuren meiner AhnInnen aus Ungarn. Hier fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zuhause.

Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich: jeder Stein war wichtig, wirklich jeder einzelne. Und sie tragen mich.

Das Leben ist kein Ziel. Es ist der Weg selbst.

Das Leben ist schön. Punkt.
Naeli
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 31. Oktober 2026
Über Halloween, Allerheiligen und Allerseelen, über unsere Verstorbenen und das Leben, das uns verbindet
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 15. Oktober 2026
Wenn wir eine neue Türe öffnen
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 14. Oktober 2026
Gestern hat meine Tochter Julia ihre Führerscheinprüfung bestanden, nachdem sie erst einmal verschlafen hatte und der Tag damit schon vor der eigentlichen Prüfung seine ganz eigene Geschichte bekommen hatte. So ein Tag, von dem wir später noch ihren Kindern erzählen werden, mit all seiner Aufregung, dem Durchatmen am Ende und der Freude darüber, dass letztendlich doch alles gut ausgegangen ist. Ich habe mich mit ihr gefreut, über die bestandene Prüfung und über das neue Stück Freiheit, das jetzt vor ihr liegt. Und mitten in dieser Freude habe ich Oma vermisst, weil sie zu den Menschen gehört hat, mit denen wir solche Momente immer sofort geteilt haben. Ich hätte ihr so gerne davon erzählt, vom Verschlafen, von der Aufregung und vom glücklichen Ausgang dieser Geschichte. Sie hätte mit uns gefeiert und wäre mit ihrer Stimme, ihren Worten und ihrer Anteilnahme Teil dieses Tages gewesen. Genau dort begegnet mir gerade meine Trauer, mitten im Leben und in einem Moment voller Freude. Oma ist vor 3 Tagen gestorben, und ich beginne erst zu begreifen, wie viele kleine Wege in meinem Alltag zu ihr führen. Ich erlebe etwas und möchte es ihr erzählen, etwas beschäftigt mich und mein erster Impuls ist, sie anzurufen. Mein Inneres kennt diesen Weg zu ihr so gut, während ich mich erst langsam mit der veränderten Wirklichkeit vertraut mache. So begegnet mir der Abschied immer wieder neu, in kleinen Situationen, die von außen ganz gewöhnlich aussehen und für mich plötzlich eine große Bedeutung bekommen. Ich vermisse ihre Sprachnachrichten in unserer Familiengruppe, diese Nachrichten, wo wir nur den Fernseher laufen hörten... Ich vermisse ihre Stimme und darin dieses vertraute Gefühl, dass sie Anteil nimmt, dass sie dazugehört und dass wir miteinander verbunden sind. Zwischen Bildern, Neuigkeiten und den Geschichten unseres Familienlebens hatte sie ihren selbstverständlichen Platz. Ihre lustigen Nachrichten waren ein Stück Oma in unserem Tag, eine kleine Begegnung zwischen all den Dingen, mit denen wir gerade beschäftigt waren. Jetzt spüre ich, wie viel Nähe darin gewohnt hat und wie kostbar diese scheinbar unscheinbaren Zeichen eines Menschen sind. Eine Nachricht am Handy, eine Nachricht in der Familiengruppe und die Möglichkeit, jemandem zu erzählen, was gerade geschehen ist, können über viele Jahre zu einem inneren Zuhause werden. Als ich versucht habe, Worte dafür zu finden, was mir an Oma fehlt, kam dieser Satz: Sie war einfach da. In diesem Dasein lag für mich sehr viel, weil ich mich an sie wenden konnte, weil meine Geschichten einen vertrauten Platz hatten und weil ich beim Erzählen etwas von dem ablegen durfte, was mich beschäftigte. Ich vermisse die Möglichkeit, sie anzurufen und mich zu entlasten, mich mit meinem Erleben für eine Weile an einen vertrauten Menschen anzulehnen. Schon die Gewissheit, dass ich sie anrufen konnte, war ein Stück Halt in meinem Leben. Heute wird mir bewusst, wie viel dieses schlichte Dasein getragen hat. Wenn ein Mensch stirbt, trauern wir auch um die besondere Form von Beziehung, die wir mit ihm gelebt haben, um unsere Gewohnheiten miteinander und um den Platz, den wir bei ihm hatten. Ein Mensch kennt unsere Geschichte, hat unsere Entwicklungen miterlebt und weiß, wer zu unserem Leben gehört. Im Gespräch können wir an etwas anknüpfen, das über viele Jahre gewachsen ist, und in dieser Vertrautheit liegt eine besondere Geborgenheit. Mit Omas Tod spüre ich auch meine eigenen Bedürfnisse deutlicher, die Sehnsucht nach Zuhören, nach Anteilnahme und nach einem Menschen, bei dem ich mit meinem Tag ankommen darf. Auch dieser Teil meiner Trauer verdient Zuwendung, weil er davon erzählt, was unsere Verbindung für mich bedeutet hat. Ich vermisse sie als Menschen, und ich vermisse das, was zwischen uns möglich war. Ich vermisse ihre Stimme und zugleich das Gefühl, ihr etwas erzählen zu können, das mich gerade bewegt. Gerade in diesen kleinen Bedürfnissen wird die Größe einer Beziehung sichtbar, weil sie so tief in unser alltägliches Leben hineinreicht. In diesen Tagen beschäftigt mich, was es bedeutet, Trauer zuzulassen und zu verkörpern, sie also mit meinem ganzen Menschsein erfahren zu dürfen. Ich kann begreifen, dass Oma gestorben ist, und zugleich erst beim nächsten Griff zum Telefon spüren, was dieser Abschied in meinem Alltag verändert. Mein Verstehen und mein Empfinden finden dabei ihren eigenen Rhythmus, während mich immer wieder eine Situation an einer neuen Stelle berührt. Da ist eine Geschichte, die ich erzählen möchte, eine Freude, die ich teilen will, oder ein schwerer Moment, in dem mir ein Gespräch guttun würde. In solchen Augenblicken wird aus dem Wissen um ihren Tod ein sehr persönliches Vermissen. Mein Körper gehört zu diesen Tagen dazu, mit allem, was sich gerade zeigt. Ich habe Kopfweh und Kreuzweh, und ich möchte aufmerksam damit umgehen, welche Zuwendung diese Beschwerden brauchen und was mir guttut. Für mich bedeutet verkörperte Trauer, auch diesen Teil meines Erlebens ernst zu nehmen und mich als ganzen Menschen wahrzunehmen. Ich möchte spüren dürfen, wann ich Ruhe brauche, wann mir Bewegung guttut und wann ich mir wünsche, dass jemand neben mir sitzt. Wenn Tränen kommen, dürfen sie fließen, und wenn mir die Worte fehlen, darf auch das einen Moment lang so sein. Ich darf erzählen, stocken, nachspüren und meinem Erleben Zeit geben. Dieses Zulassen ist für mich etwas sehr Konkretes, weil es sich darin zeigt, wie ich heute mit mir umgehe. Zum Trauern gehört für mich auch das Brotbacken, das mich seit vielen Jahren durch mein Leben begleitet. Ich stehe in meiner Küche, wiege Mehl ab, gebe Wasser dazu und beginne, den Teig zu kneten. Meine Hände finden in eine vertraute Tätigkeit, während in mir Gedanken und Erinnerungen auftauchen dürfen. Ich spüre die Beschaffenheit des Teiges und seine Veränderung unter meinen Händen. Meine Aufmerksamkeit ist bei etwas Greifbarem, während mein Herz mit dem Abschied beschäftigt ist. Genau darin liegt für mich etwas Wohltuendes, weil ich mit meinem Körper anwesend bin und zugleich Raum für das habe, was mich innerlich bewegt. Ich darf an Oma denken, sie vermissen und meine Hände weiterarbeiten lassen. Meine Trauer bekommt einen Platz mitten in meiner Küche, zwischen Mehl, Wasser und den vertrauten Handgriffen eines gewöhnlichen Tages. Beim Brotbacken tue ich etwas, das mich seit Langem begleitet, und diese Vertrautheit trägt mich durch einen Moment, in dem sich so vieles verändert hat. Meine Hände wissen, was zu tun ist, während ich selbst erst herausfinde, wie mein Alltag mit diesem Abschied aussieht. Gleichzeitig lasse ich etwas entstehen, das mich und meine Familie nährt. Ich sorge für das Leben, das hier ist, während ich einen Menschen betrauere, der so eng zu unserem Leben gehört hat. Wenn der Teig geht, hat auch mein Tag seinen weiteren Lauf, mit Aufgaben, Gedanken und Erinnerungen. Später zieht der Duft des Brotes durch das Haus, und ich hole etwas Warmes aus dem Ofen, das ich auf unseren Tisch stellen kann. Auch das ist für mich Trauer, mit den Händen im Teig, mit der Sehnsucht im Herzen und mit der Fürsorge für die Menschen, die mit mir am Tisch sitzen. Ich darf traurig sein und etwas Schönes schaffen, darf mich um andere kümmern und selbst Zuwendung brauchen. In meinem Alltag darf all das nebeneinander bestehen und auf seine Weise Ausdruck finden. Julias Führerscheinprüfung hat mir gestern besonders deutlich gezeigt, wie eng Freude und Trauer beieinanderliegen können. Da ist meine Tochter, die etwas geschafft hat und sich darüber freuen darf, und da ist meine Sehnsucht nach Oma, mit der wir dieses Glück so gerne geteilt hätten. Beide Gefühle gehören zu diesem Tag, und beide sind mit Liebe verbunden. Ich möchte mir erlauben, mich ganz über Julia zu freuen und zugleich auszusprechen, wie sehr Oma gerade fehlt. Wir dürfen lachen, während wir trauern, und wir dürfen mitten in einem glücklichen Moment Tränen in den Augen haben. Unser Herz kann sich über etwas freuen und gleichzeitig nach einem vertrauten Menschen sehnen. Auch unsere Erinnerungen tragen diese Vielfalt in sich, wenn wir Geschichten erzählen, eine Eigenheit wieder vor uns sehen und gemeinsam darüber schmunzeln. Wir erinnern uns an Worte, Gewohnheiten und kleine Begebenheiten, die einen Menschen für uns so unverwechselbar gemacht haben. Dabei kann aus einem Lächeln ein herzliches Lachen werden und kurz darauf eine Träne über die Wange laufen. Für mich gehört beides zur Liebe, die durch den Abschied eine neue Ausdrucksform sucht. Ich möchte diesen Bewegungen meines Herzens vertrauen und ihnen erlauben, sichtbar zu werden. Ein schöner Tag darf einen schmerzlichen Moment enthalten, und ein schwerer Tag darf von Freude berührt werden. Wir dürfen feiern und dabei sagen, wie gerne wir diesen Menschen jetzt bei uns hätten. Ich wünsche mir, dass wir mit unserer Trauer unter Menschen gehen dürfen und dass unser tatsächliches Erleben in Begegnungen Platz findet. Dass auf die Frage, wie es uns geht, eine ehrliche Antwort folgen darf, die Zeit braucht. Dass beim gemeinsamen Essen eine Erinnerung ausgesprochen werden kann und die anderen für einen Augenblick bei ihr bleiben. Wir tragen unsere Abschiede mit in den Alltag, zur Arbeit, zum Einkaufen und an den Küchentisch. Hinter einem vertrauten Gesicht kann große Sehnsucht wohnen, auch wenn dieser Mensch gerade gelacht und von etwas Schönem erzählt hat. Deshalb wünsche ich mir Räume, in denen wir mit dieser ganzen Vielfalt willkommen sind und in denen ein Satz wie „Ich vermisse sie gerade so sehr“ einfach da sein darf. Manchmal möchte ich eine Erinnerung teilen, manchmal erzählen, was mich beschäftigt, und manchmal tut schon die Nähe eines anderen Menschen gut. Ein zugewandtes Zuhören, eine Hand auf dem Arm oder eine Umarmung können viel bedeuten, weil sie uns spüren lassen, dass wir mit unserem Erleben einen Platz haben. Gerade durch Omas Tod wird mir noch deutlicher, wie wertvoll dieses schlichte Dasein ist, das wir einander schenken können. Ein Mensch hört zu, bleibt bei uns und lässt uns Zeit, während wir Worte suchen oder weinen. Dieses Dasein hat für mich etwas zutiefst Tröstliches, weil ich gerade so schmerzlich erfahre, wie viel es bedeuten kann. Wenn ich meiner Trauer Raum gebe, möchte ich zugleich fürsorglich mit mir umgehen und darauf achten, was mich gerade trägt. Es gibt Augenblicke, in denen ich mich einer Erinnerung zuwenden möchte, und andere, in denen mir eine vertraute Tätigkeit guttut. Manchmal brauche ich ein Gespräch, manchmal Bewegung und manchmal die Wärme meiner Küche. Ich darf mich fragen, ob ich gerade Gesellschaft möchte, ob mir Ruhe guttun würde und wem ich erzählen mag, was mich bewegt. Dabei gehört für mich auch dazu, meine Bedürfnisse auszusprechen und anderen die Möglichkeit zu geben, für mich da zu sein. Ich darf um eine Umarmung bitten oder sagen, dass mir ein Tag gerade viel abverlangt. Gerade wenn wir es gewohnt sind, für andere zu sorgen, kann darin etwas sehr Berührendes liegen, die eigene Sehnsucht nach Halt ernst zu nehmen und sich selbst dieselbe Zuwendung zu wünschen, die wir anderen schenken. Auch ich darf mit meiner Trauer bei einem Menschen ankommen und mich für eine Weile anlehnen. Für mich gehört diese Erfahrung zu einer Spiritualität, die mitten im Leben ihren Platz hat, in meinem Körper, meinen Beziehungen und den alltäglichen Dingen, die ich tue. Ich kann eine innere Verbundenheit mit Oma empfinden und zugleich ihre Stimme vermissen. Ich kann dankbar sein für unsere gemeinsame Zeit und mir wünschen, ihr noch einmal von Julia erzählen zu können. Mein Herz trägt die Beziehung weiter, während ich in meinem Alltag immer wieder ihrem Fehlen begegne. Beides gehört zu meinem Erleben, die empfundene Nähe und die schmerzliche Sehnsucht. Ich möchte auch meinem menschlichen Bedürfnis nach ihrer Stimme, ihrer Antwort und ihrer Anteilnahme mit Zärtlichkeit begegnen. Für mich zeigt sich Spiritualität gerade darin, bei meinem tatsächlichen Empfinden zu bleiben und ihm Würde zu geben. Meine Tränen dürfen genauso dazugehören wie ein stiller Moment des Friedens oder die Freude über etwas Schönes. Sie zeigt sich im Zuhören und im Annehmen von Nähe, beim Kneten eines Brotteiges und in der Fürsorge, mit der ich meinem Körper begegne. So bekommt Verbundenheit für mich einen ganz konkreten Ausdruck, durch meine Hände, meine Worte und die Art, wie ich mit mir und anderen umgehe. Was ich mit diesen Zeilen weitergeben möchte, ist die Erlaubnis, der eigenen Trauer Raum zu geben und sich mit ihr zeigen zu dürfen. Du darfst weinen, weil dir eine Stimme fehlt, und lachen, weil eine Erinnerung so voller Leben ist. Du darfst einen glücklichen Moment genießen und zugleich die Sehnsucht nach einem Menschen spüren, mit dem du ihn gerne teilen würdest. Du darfst erzählen, um Nähe bitten und dir Zeit geben für das, was dieser Abschied in dir bewegt. Deine Trauer darf beim Brotbacken auftauchen, beim Autofahren, mitten in einem Gespräch oder beim Feiern einer bestandenen Prüfung. Sie darf Teil deines Lebens sein, während du deinen ganz eigenen Weg mit ihr findest. Für mich zeigt sie sich gerade in Omas Sprachnachrichten, die ich vermisse, im Wunsch nach einem entlastenden Telefonat und in den vielen kleinen Geschichten, die ich ihr so gerne erzählen würde. Sie war einfach da, und ich lerne gerade, wie viel in diesen Worten liegt. Heute darf meine Trauer zu meinem Tag gehören, während ich Brot backe, mich über meine Tochter freue und mich an Oma erinnere. Ich darf mit meinem ganzen Herzen daran teilnehmen, mit meiner Liebe, meinen Tränen und dem Lachen, das weiterhin seinen Weg zu mir findet. So bekommt auch mein vertrauter Satz in diesen Tagen eine besondere Tiefe, weil er meine Freude ebenso mittragen darf wie meine Sehnsucht und meinen Abschied.  Das Leben ist schön. Punkt.
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 22. September 2026
Vielleicht erinnerst du dich als treue BlogleserIn, zur Sommersonnenwende schrieb ich über die Lieblingszeit des Jahres meines Lebenspartners und darüber, wie genau er jeden zusätzlichen Lichtstrahl am Abend beobachtet. Jeden Tag wurde es ein bisschen länger hell, jeden Abend ergaunerten wir uns ein paar Minuten mehr Zeit für unsere gemeinsamen Hunderunden. Und irgendwann kam dieser eine Abend, an dem er mit leuchtenden Augen feststellte, dass es um 20 Uhr noch immer hell ist und dabei hatte er beinahe selbst mit der Sonne um die Wette gestrahlt. Damals, also im Juni, saßen wir auf unserem Hof im Südburgenland und sprachen darüber, dass ausgerechnet der längste Tag des Jahres zugleich jener Wendepunkt ist, von dem an das Licht langsam wieder zurückgeht. Erst beinahe unmerklich und dann, mit jedem weiteren Tag, ein wenig deutlicher. Inzwischen liegt dieser Abend schon wieder drei Monate zurück. Verrückt oder? Die Sonne verschwindet wieder täglich früher hinter den burgenländischen Hügeln, auf unseren abendlichen Hunderunden begleitet uns nun immer öfter die Dämmerung, und über den Wiesen liegt am Morgen bereits dieser feuchte, silbrige Schleier, der den Herbst ankündigt. (inklusive der ungeliebten Spinnweben im Wald) Die Kastanien öffnen ihre stacheligen Hüllen, und die Räubertochter und ich sammeln sie Körbeweise am Spielplatz, die ersten gelben Blätter lösen sich von den Bäumen, und im Garten lichten sich die Hochbeete und die Wintersalate werden ausgepflanzt. Morgen ist Herbst Tag und Nachtgleiche. Für einen kurzen Augenblick stehen Licht und Dunkelheit einander beinahe gleichwertig gegenüber. Zwölf Stunden Tag und zwölf Stunden Nacht. Man könnte poetisch sein und schreiben, ein vollkommener Moment zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Ich mag diesen Gedanken, weil Gleichgewicht für mich lange etwas bedeutete, das man irgendwann erreicht und anschließend festhalten kann. (Denkste!) Als gäbe es diesen EINEN Punkt im Leben, an dem alles geordnet ist, alle Aufgaben erledigt sind, alle Fragen beantwortet wurden und jeder Bereich seinen vorgesehenen Platz gefunden hat. Doch die Natur erzählt uns eine andere Geschichte. Ihr Gleichgewicht ist lebendig. Es entsteht aus ständiger Bewegung, aus fortwährendem Wandel und aus dem ewigen Pendeln zwischen Werden und Vergehen, zwischen Fülle und Rückzug, zwischen Licht und Dunkelheit. Schon morgen wird die Dunkelheit wieder ein kleines Stück mehr Raum einnehmen. Die Abende werden länger, das Leben zieht sich langsam von draußen nach drinnen zurück, und auch wir werden wieder häufiger an unserem blauen Ofen in der Küche sitzen, während draußen der Wind über den Hof streicht. Ich fühle tief in mir, genau darin liegt die Einladung dieser nahenden Herbst-Zeit. Nach einem extrem heißen Sommer voller Licht, Wachstum, Arbeit, Ernte und Leben dürfen wir nun wieder leiser werden. Wir dürfen sammeln, was in uns gereift ist. Wir dürfen würdigen, was uns dieser Sommer geschenkt hat. Und wir dürfen manches der Erde übergeben, dessen Zeit vorüber ist. Die Bäume zeigen uns so wunderschön, wie bunt Loslassen aussehen kann. Sie kämpfen um kein einziges Blatt und halten keinen Sommer fest, dessen Zeit sich erfüllt hat. Sie lassen ihre Blätter in den schönsten Farben leuchten und geben sie anschließend vertrauensvoll dem Wind mit. Welch eine stille Form von Würde darin liegt, nicht wahr? In meinen Detoxräumen habe ich immer betont, Loslassen bedeutet viel weniger, etwas zu verlieren, und viel mehr, dem Leben wieder freie Hände hinzuhalten. Für das, was zu uns kommen möchte. Auch für das, was in der Dunkelheit heranreifen darf. Für jene Teile in uns, die erst in der Stille wieder hörbar werden. Wir feiern so gerne das Licht, den Aufbruch, die Blüte und all das, was nach außen sichtbar wird. Doch auch die Dunkelheit trägt Leben in sich. In ihr ruhen die Samen und in ihr regeneriert sich die Erde. In ihr sammeln wir unsere Kräfte und begegnen jenen inneren Räumen, die im hellen Trubel des Sommers kaum eine Stimme bekommen. Die Herbst Tag und Nachtgleiche erinnert mich daran, dass beides zu einem ganzen Leben gehört. Die Freude und die Trauer, das Ankommen und das Abschiednehmen. Das Festhalten und das Freigeben, das laute Lachen an einem langen Sommerabend und die stille Hand, die wir einem Menschen in seiner dunkelsten Stunde reichen. Besteht die Kunst des Lebens darin, das Licht aus ganzem Herzen zu genießen und zugleich der Dunkelheit einen würdigen Platz einzuräumen? Ein Leben in Balance entsteht dort, wo alles zu uns gehören darf, so fühle ich das. Heute, am Abend vor der Herbst Tag und Nachtgleiche, werde ich noch einmal bewusst über unseren Hof gehen. Ich möchte die letzten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht bewusst spüren, den Duft der Erde und der letzten blühenden Rosen tief einatmen und meinen Blick über all das schweifen lassen, was in diesem Sommer gewachsen ist. Über den Garten, der uns so reich beschenkt hat. Über die Tiere, die ihren eigenen Rhythmus längst gefunden haben. Über unser Zuhause, das sich mit jeder Jahreszeit ein wenig verwandelt. Und über mein eigenes verrücktes Leben, das ebenso zyklisch ist wie die Natur. Auch ich befinde mich gerade in einer Zeit, in der im Verborgenen bereits etwas Neues entsteht. Morgen reichen Licht und Dunkelheit einander für einen Augenblick die Hand. Und auch du darfst genau dort stehen, mitten zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden, mit dankbarem Herzen, offenen Händen und dem tiefen Vertrauen, dass jede Zeit ihre eigene Schönheit trägt. Der Sommer darf gehen. DANKE für all die wunderschönen Momente mit dir. Der Herbst darf kommen. Ich freu mich auf dich! Wir dürfen mitgehen. Denn das Leben findet in jeder Jahreszeit statt. Das Leben ist schön. Punkt. Naeli
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 31. August 2026
Warum es diesen Herbst keine 7. Detoxrunde gibt
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 25. August 2026
Eine Liebeserklärung an meine Schwiegermama
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 22. August 2026
Oder: Warum wir das Leben vorwärts leben und manchmal erst ein paar Stunden später verstehen, warum es uns in eine andere Richtung geschickt hat.
15. August 2026
Manchmal verändert sich das Leben innerhalb weniger Sekunden. Du stehst irgendwo, mitten in deinem Sein, denkst an vollkommen alltägliche Dinge – und plötzlich gibt es ein Davor und ein Danach. Bei mir war dieses Irgendwo der Trojanipass vergangenes Wochenende. Ich kam gerade aus einem grenzgenialen superlustigen Mädelsurlaub mit meiner Schwägerin. Unserem ersten übrigens, obwohl wir uns seit mehr als 30 Jahren kennen. Wir gönnten uns ein Wochenende in Piran in Slowenien, hatten unglaublich viel Spaß, gelacht, gelebt, Wein genossen und beschlossen auf der Heimfahrt ganz spontan, noch bei der Krapfenwirtin am Trojanipass stehenzubleiben. Ein Krapfen für die Daheimgebliebenen. Klingt eigentlich nach einem ziemlich guten Plan, oder? Ich ging Richtung Toilette, direkt vor dem Haupteingang, als ich plötzlich einen Stoß wahrnahm. Ich erinnere mich an diesen Sekundenbruchteil ziemlich genau. Da war dieser Stoß und gleichzeitig der Gedanke: Jetzt fliege ich. Warum fliege ich? Ich verstand in diesem Moment überhaupt nicht, was gerade mit mir passierte. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich stützte mich ab und landete auf meinen Armen, auf meinem linken Daumen und meiner rechten Handfläche. Und dann tat ich etwas, das ich heute mit ein paar Tagen Abstand sehr interessant finde. Ich sprang sofort wieder auf. Ich drehte mich seitlich um und sah ein Auto. Ein älterer Mann saß am Steuer. Er hatte mich offenbar touchiert und war stehen geblieben. Wir konnten uns sprachlich nicht verständigen. Und ich? Ich sagte sinngemäß: Mir ist nichts passiert. Ich sah an mir runter und ich blutete schließlich auch nirgends. Mein Kopf hatte den Boden verschont :-) Ich stand auf meinen Beinen. Also war doch alles gut. Oder? Heute sehe ich diese wenigen Sekunden mit anderen Augen. Das Auto- der Aufprall - der Boden - sofort Aufstehen - mich kurz Orientieren und Weitermachen. Es ist eine Abfolge von Handlungen, die mein Körper offenbar sehr gut kennt. Denn wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich dieses Muster in beinahe jeder großen Krisensituation: Zuerst habe ich funktioniert. Wenn mein Leben wild wurde, nahm ich das Ruder noch fester in die Hand. Ich organisierte, regelte, entschied und ich trug. Ich kümmerte mich und ich fand Lösungen. Das Ruder festzuhalten ist eine meiner großen Fähigkeiten. Vielleicht sogar eine meiner Überlebensstrategien? Und deshalb sprang ich auch an diesem Sonntag Nachmittag sofort wieder auf. Mein Körper lag gerade auf dem Asphalt und irgendein Teil in mir sagte bereits: weiter Tanja. Ich ging auf die Toilette und bemerkte dort, dass ich mich irgendwie unwohl fühlte. Als ich zu meiner Schwägerin zurückkam, sah sie mich an und sagte, ich sei ganz weiß im Gesicht. Der Schock war längst da, auch wenn mein Verstand noch versuchte, die Situation einzuordnen. Ich rief meine Freundin an, die ebenfalls Heilerin ist, erzählte ihr, was passiert war, und ließ mich von ihr begleiten. Plötzlich war mir zum Weinen. Wir machten kalte Umschläge auf meine Hand und meinen Nacken und irgendwann fuhren wir weiter. Der erste Schock ließ nach. Die Schmerzen in meiner Hand wurden stärker. Und am nächsten Morgen kam mein Körper. So kann ich es bis heute am besten beschreiben: Ich fühlte mich zersplittert. Zerschlagen. Mein ganzer Körper schmerzte. Mein Nacken tat weh, mein Kopf tat weh und gleichzeitig fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise von mir selbst abgetrennt. Als wäre etwas in mir noch gar nicht vollständig zurückgekehrt. Also legte ich mich auf meine geliebte Pranamatte und begann zu meditieren. Und dort geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Ich traf meinen Bruder. Mein Bruder starb im Jahr 2000. Und seit seinem Tod hatte ich ihn auf diese Weise kein einziges Mal erlebt. Jetzt war er da. Und er umarmte mich. Ich begann während der Meditation zu weinen und als ich wieder ganz ins Hier und Jetzt zurückkam, liefen mir immer noch dicke Tränen über das Gesicht. Diese Begegnung hat etwas in mir geöffnet. Denn plötzlich wurde mir mit einer Klarheit, die ich kaum in Worte fassen kann, bewusst: Ich hätte sterben können. Ein Auto hatte mich angefahren. Dieses Mal war es glimpflich ausgegangen. Und trotzdem war da auf einmal dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit meines Lebens. Nicht theoretisch. Körperlich. Ich hatte gerade am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich innerhalb eines einzigen Augenblicks alles verändern kann. Und in meiner Meditation fühlte es sich an, als hätte mein Bruder mir noch etwas anderes gezeigt. Dass er da gewesen ist. Dass er mich empfangen hätte. Dass er sich total gefreut hat, mich wiederzusehen. Und gleichzeitig spürte ich etwas vollkommen anderes in mir. Eine Entscheidung. Ich bleibe. Ich habe mich noch einmal für dieses Leben entschieden. Vielleicht lässt sich eine spirituelle Erfahrung niemals vollständig mit Worten erklären. Und vielleicht braucht sie das auch gar nicht. Ich kann lediglich erzählen, wie sie sich für mich angefühlt hat. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich mich noch einmal bewusst für dieses Leben entschieden. Für dieses Leben, für meinen Körper, für meine Familie, für meinen Partner. Für meine Kinder, für unsere Tiere, für unseren Hof. Für all die vollkommen unspektakulären Tage, an denen Hühner gefüttert, Pflanzen gegossen, Essen gekocht, Wäsche gewaschen und Brot gebacken wird. Für das Lachen, für das Lieben. Für das Menschsein. Für all das, was noch durch mich gelebt werden möchte. Ich bleibe. Und nachdem ich diese Entscheidung gespürt hatte, tat ich etwas, das für mich vielleicht genauso bedeutsam war: Ich ließ mich halten. Ich habe unglaublich viel geweint. Ich suchte die Nähe meines Partners. Ich erzählte meiner Mama von meiner Erfahrung und ließ mich von ihr trösten. Und irgendwann bemerkte ich, wie wohltuend es war, gerade selbst einmal überhaupt keinen Raum für jemanden halten zu müssen. Ich durfte diejenige sein, die gehalten wird. Das klingt so einfach. Für mich ist es das gerade überhaupt nicht. Ich bin es gewohnt, Räume zu halten. Für meine Familie, für Frauen, für Klientinnen. Für Menschen, die mit ihren Geschichten zu mir kommen. Ich begleite, fühle, höre, nehme wahr, gebe Impulse, öffne Räume. Und plötzlich wollte etwas in mir genau die entgegengesetzte Bewegung. Zu mir, nach innen, in die Stille. Ich bat deshalb auch die Menschen in meinem Umfeld, von Ratschlägen abzusehen. Denn diesen Prozess will ich selbst durchschreiten, ich will hören, was meine eigene Seele mir erzählt. Ich will meine Wahrnehmung spüren, bevor andere Menschen ihre Wahrnehmungen darüberlegen. Es gibt diesen Satz: a uch Ratschläge sind Schläge. Nach einem tatsächlichen körperlichen Aufprall bekommt dieser Satz für mich gerade eine vollkommen neue Bedeutung. Mein System hatte genug Input bekommen. Jetzt brauche ich Raum. Je länger ich in den vergangenen Tagen mit diesem Erlebnis sitze, desto stärker empfinde ich den Unfall auch symbolisch. Ein Auto in Bewegung- Geschwindigkeit - Außenwelt - Vorwärts - im Tun. Für mich trägt all das eine starke Yang-Energie. Und genau diese Energie trifft mich. Sie bringt mich zu Fall. Und meine unmittelbare Reaktion? Aufspringen. Natürlich war das eine Schockreaktion. Und gleichzeitig erkenne ich darin heute etwas aus meinem ganzen Leben wieder. Wenn etwas passiert, stehe ich auf. Wenn es schwierig wird, übernehme ich das Ruder. Wenn ein Sturm kommt, halte ich es eben noch ein bisschen fester. Ich kann das, verdammt gut sogar. Diese Fähigkeit hat mich durch einige der dunkelsten Stunden meines Lebens getragen. Heute frage ich mich allerdings etwas anderes: Muss ich das Ruder wirklich immer in der Hand halten? Seit diesem Unfall zieht es mich in eine vollkommen andere Energie. In die Stille, ins Schlafen, ins Weinen, ins Empfangen, in die Meditation. Zu meinem Partner, zu meiner Familie, zu meinen Tieren, zu meinem Zuhause, zu mir. Vom Yang ins Yin. Vom Machen ins Sein. Vom Halten ins Gehaltenwerden. Vom Geben ins Empfangen. Vom Außen ins Innen. Und vermutlich liegt genau hier mein eigentlicher Weckruf. Dieser Unfall erzählt mir weniger davon, was ich in Zukunft alles verändern soll. Er lädt mich vielmehr dazu ein, eine andere Qualität des Lebens kennenzulernen. Eine, in der ich das Ruder manchmal lockerer halte. Eine, in der ich dem Leben zutraue, ebenfalls eine Strömung zu besitzen. Heute habe ich wieder meditiert, wie jeden Tag seit diesem speziellen Sonntag. Und in dieser Meditation bekam ich von meinem Geistführer einen sehr klaren Impuls: Komm erst zurück, wenn deine blauen Flecken verschwunden sind. Außerdem kamen zwei weitere Impulse: Mein Bewusstsein auszudehnen und Zitronenwasser zu trinken. Ich musste über Letzteres direkt ein bisserl schmunzeln. So sind meine Meditationen ganz oft:-) Große kosmische Botschaften treffen auf Zitronenwasser. Willkommen in meinem verrückten Leben. Doch gerade das Bild meiner blauen Flecken berührt mich. Mein Körper trägt im Moment sichtbar die Spuren dessen, was geschehen ist. In blau- lila-grün-Tönen. Sie verändern sich jeden Tag. Mein Körper ist in Heilung. Und während mein Körper diese sichtbaren Spuren verwandelt, darf offenbar auch in meinem Inneren etwas seine Gestalt verändern. Deshalb möchte ich gerade gar keine Entscheidung darüber treffen, wann ich wieder zurückkehre, oder wie, oder wohin überhaupt. Vielleicht darf meine Haut mir diesmal den Rhythmus vorgeben. Seit dem Unfall denke ich viel über Lebensenergie nach. Denn wenn einem plötzlich bewusst wird, dass auch diese Inkarnation endlich ist, verändert sich der Blick darauf, wofür man seine Energie verwendet. Meine Lebensenergie ist mir unglaublich kostbar. Sie ist die Kraft, mit der ich liebe. Mit der ich meine Kinder umarme, mit der ich meinen Partner berühre. Mit der ich Brot backe und mit der ich meine Tiere versorge. Mit der ich hier meinen geliebten Blog schreibe. Mit der ich Frauen begleite. Mit der ich lache, weine, denke, träume, gärtnere, koche, lerne und erschaffe. Diese Energie ist mein Leben. Und ich werde zukünftig noch viel bewusster damit umgehen. Weniger aus einem Gefühl des permanenten Verfügbarseins heraus. Mehr aus Fülle und aus Verkörperung. Mehr aus einem inneren ganz lauten Ja. Ich spüre gerade sehr deutlich: Ich möchte mein Leben zuerst leben und irgendwann darüber erzählen. Ich möchte Erfahrungen erst durch meinen Körper wandern lassen. Ich möchte sie schmecken und ich möchte sie verdauen. Ich möchte sie zu meiner eigenen Wahrheit werden lassen. Und irgendwann dürfen Worte daraus entstehen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.... In den vergangenen Wochen beschäftigt mich immer wieder das Bild des Gefäßes. Und inzwischen verstehe ich langsam, warum. Ein Gefäß rennt dem Wasser nicht hinterher. Es muss den Fluss nicht kontrollieren. Es hält sich bereit, es empfängt, es lässt sich füllen. Und aus einem gefüllten Gefäß kann etwas weiterfließen. Viel zu lange habe ich geglaubt, ich müsste vor allem diejenige sein, die das Ruder hält. Aber was geschieht, wenn ich zum Gefäß werde? Wenn ich mich einfach vom Leben füllen lasse? Wenn meine Kraft weniger daraus entsteht, dass ich alles unter Kontrolle halte, und mehr daraus, dass ich tief mit mir verbunden bin? Wenn ich empfange, bevor ich gebe? Wenn ich mich halten lasse, bevor ich andere halte? Ich fühle, hier beginnt eine vollkommen andere Form von Kraft. Eine weichere, eine weiblichere, eine, die weniger beweisen muss. Eine, die aus der Tiefe entsteht. Ich weiß noch nicht, welche Frau zurückkommen wird. Und genau deshalb endet dieser Text heute mitten in der Geschichte. Meine blauen Flecken sind noch da. Mein Körper heilt, ab und an weine ich noch. Ich schlafe viel. Ich meditiere und tanze. Frühmorgens neben den Hühnern. Sie finden das super spannend :-) Ich lasse mich halten, ich höre mir selbst zu... Ja und natürlich trinke ich mein Zitronenwasser. Und ich habe gerade überhaupt kein Bedürfnis, aus dieser Erfahrung bereits ein fertiges Konzept zu machen. Nicht jede Erfahrung braucht einen sofortigen Sinn. Zu allererst braucht sie Raum zum Atmen und Werden. Mein Bruder hat mich umarmt. Ich habe gespürt, dass ich bleiben möchte. Und seitdem frage ich mich mehrmals am Tag, wie ich dieses Bleiben für mich gestalten möchte. Denn wenn ich mich noch einmal für dieses Leben entschieden habe, dann möchte ich auch wirklich hier sein. In meinem Körper, bei den Menschen, die ich liebe. In meinem Zuhause, in meiner Freude, in meiner Stille, in meiner Arbeit. In meiner Seele. Mit meiner ganzen Lebenskraft . Ich weiß heute noch nicht, welche Frau zurückkommen wird, wenn meine blauen Flecken verschwunden sind. Aber ich bin heute schon ziemlich sicher, sie wird das Ruder ein wenig lockerer in ihren Händen halten. Ganz sicher wird sie öfter den Kopf heben, den Wind spüren und sich daran erinnern, dass ein Fluss seine eigene Richtung kennt. Ich wünsche mir mein Vertrauen besteht irgendwann genau darin: mich vom Leben tragen zu lassen, während meine Hände frei werden. Das Leben ist schön. Punkt.
von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f • 30. Juli 2026
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