Vielleicht muss ich das Ruder gar nicht immer in der Hand halten

Manchmal verändert sich das Leben innerhalb weniger Sekunden. Du stehst irgendwo, mitten in deinem Sein, denkst an vollkommen alltägliche Dinge – und plötzlich gibt es ein Davor und ein Danach.
Bei mir war dieses Irgendwo der Trojanipass vergangenes Wochenende. Ich kam gerade aus einem grenzgenialen superlustigen Mädelsurlaub mit meiner Schwägerin. Unserem ersten übrigens, obwohl wir uns seit mehr als 30 Jahren kennen. Wir gönnten uns ein Wochenende in Piran in Slowenien, hatten unglaublich viel Spaß, gelacht, gelebt, Wein genossen und beschlossen auf der Heimfahrt ganz spontan, noch bei der Krapfenwirtin am Trojanipass stehenzubleiben.
Ein Krapfen für die Daheimgebliebenen. Klingt eigentlich nach einem ziemlich guten Plan, oder?
Ich ging Richtung Toilette, direkt vor dem Haupteingang, als ich plötzlich einen Stoß wahrnahm. Ich erinnere mich an diesen Sekundenbruchteil ziemlich genau. Da war dieser Stoß und gleichzeitig der Gedanke:
Jetzt fliege ich. Warum fliege ich?
Ich verstand in diesem Moment überhaupt nicht, was gerade mit mir passierte. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich stützte mich ab und landete auf meinen Armen, auf meinem linken Daumen und meiner rechten Handfläche.
Und dann tat ich etwas, das ich heute mit ein paar Tagen Abstand sehr interessant finde.
Ich sprang sofort wieder auf.
Ich drehte mich seitlich um und sah ein Auto.
Ein älterer Mann saß am Steuer. Er hatte mich offenbar touchiert und war stehen geblieben. Wir konnten uns sprachlich nicht verständigen.
Und ich? Ich sagte sinngemäß: Mir ist nichts passiert.
Ich sah an mir runter und ich blutete schließlich auch nirgends. Mein Kopf hatte den Boden verschont :-) Ich stand auf meinen Beinen. Also war doch alles gut. Oder?
Heute sehe ich diese wenigen Sekunden mit anderen Augen. Das Auto- der Aufprall - der Boden - sofort Aufstehen - mich kurz Orientieren und Weitermachen.
Es ist eine Abfolge von Handlungen, die mein Körper offenbar sehr gut kennt.
Denn wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich dieses Muster in beinahe jeder großen Krisensituation:
Zuerst habe ich funktioniert. Wenn mein Leben wild wurde, nahm ich das Ruder noch fester in die Hand. Ich organisierte, regelte, entschied und ich trug. Ich kümmerte mich und ich fand Lösungen. Das Ruder festzuhalten ist eine meiner großen Fähigkeiten.
Vielleicht sogar eine meiner Überlebensstrategien?
Und deshalb sprang ich auch an diesem Sonntag Nachmittag sofort wieder auf. Mein Körper lag gerade auf dem Asphalt und irgendein Teil in mir sagte bereits: weiter Tanja.
Ich ging auf die Toilette und bemerkte dort, dass ich mich irgendwie unwohl fühlte. Als ich zu meiner Schwägerin zurückkam, sah sie mich an und sagte, ich sei ganz weiß im Gesicht.
Der Schock war längst da, auch wenn mein Verstand noch versuchte, die Situation einzuordnen.
Ich rief meine Freundin an, die ebenfalls Heilerin ist, erzählte ihr, was passiert war, und ließ mich von ihr begleiten. Plötzlich war mir zum Weinen. Wir machten kalte Umschläge auf meine Hand und meinen Nacken und irgendwann fuhren wir weiter.
Der erste Schock ließ nach. Die Schmerzen in meiner Hand wurden stärker. Und am nächsten Morgen kam mein Körper. So kann ich es bis heute am besten beschreiben:
Ich fühlte mich zersplittert. Zerschlagen. Mein ganzer Körper schmerzte. Mein Nacken tat weh, mein Kopf tat weh und gleichzeitig fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise von mir selbst abgetrennt.
Als wäre etwas in mir noch gar nicht vollständig zurückgekehrt.
Also legte ich mich auf meine geliebte Pranamatte und begann zu meditieren.
Und dort geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hätte.
Ich traf meinen Bruder. Mein Bruder starb im Jahr 2000. Und seit seinem Tod hatte ich ihn auf diese Weise kein einziges Mal erlebt. Jetzt war er da. Und er umarmte mich.
Ich begann während der Meditation zu weinen und als ich wieder ganz ins Hier und Jetzt zurückkam, liefen mir immer noch dicke Tränen über das Gesicht.
Diese Begegnung hat etwas in mir geöffnet. Denn plötzlich wurde mir mit einer Klarheit, die ich kaum in Worte fassen kann, bewusst: Ich hätte sterben können. Ein Auto hatte mich angefahren. Dieses Mal war es glimpflich ausgegangen. Und trotzdem war da auf einmal dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit meines Lebens.
Nicht theoretisch. Körperlich. Ich hatte gerade am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich innerhalb eines einzigen Augenblicks alles verändern kann.
Und in meiner Meditation fühlte es sich an, als hätte mein Bruder mir noch etwas anderes gezeigt. Dass er da gewesen ist. Dass er mich empfangen hätte. Dass er sich total gefreut hat, mich wiederzusehen. Und gleichzeitig spürte ich etwas vollkommen anderes in mir.
Eine Entscheidung. Ich bleibe. Ich habe mich noch einmal für dieses Leben entschieden.
Vielleicht lässt sich eine spirituelle Erfahrung niemals vollständig mit Worten erklären.
Und vielleicht braucht sie das auch gar nicht. Ich kann lediglich erzählen, wie sie sich für mich angefühlt hat. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich mich noch einmal bewusst für dieses Leben entschieden.
Für dieses Leben, für meinen Körper, für meine Familie, für meinen Partner. Für meine Kinder, für unsere Tiere, für unseren Hof. Für all die vollkommen unspektakulären Tage, an denen Hühner gefüttert, Pflanzen gegossen, Essen gekocht, Wäsche gewaschen und Brot gebacken wird. Für das Lachen, für das Lieben. Für das Menschsein. Für all das, was noch durch mich gelebt werden möchte.
Ich bleibe. Und nachdem ich diese Entscheidung gespürt hatte, tat ich etwas, das für mich vielleicht genauso bedeutsam war: Ich ließ mich halten. Ich habe unglaublich viel geweint.
Ich suchte die Nähe meines Partners. Ich erzählte meiner Mama von meiner Erfahrung und ließ mich von ihr trösten. Und irgendwann bemerkte ich, wie wohltuend es war, gerade selbst einmal überhaupt keinen Raum für jemanden halten zu müssen.
Ich durfte diejenige sein, die gehalten wird. Das klingt so einfach. Für mich ist es das gerade überhaupt nicht. Ich bin es gewohnt, Räume zu halten. Für meine Familie, für Frauen, für Klientinnen. Für Menschen, die mit ihren Geschichten zu mir kommen. Ich begleite, fühle, höre, nehme wahr, gebe Impulse, öffne Räume. Und plötzlich wollte etwas in mir genau die entgegengesetzte Bewegung. Zu mir, nach innen, in die Stille.
Ich bat deshalb auch die Menschen in meinem Umfeld, von Ratschlägen abzusehen.
Denn diesen Prozess will ich selbst durchschreiten, ich will hören, was meine eigene Seele mir erzählt. Ich will meine Wahrnehmung spüren, bevor andere Menschen ihre Wahrnehmungen darüberlegen.
Es gibt diesen Satz: auch Ratschläge sind Schläge. Nach einem tatsächlichen körperlichen Aufprall bekommt dieser Satz für mich gerade eine vollkommen neue Bedeutung.
Mein System hatte genug Input bekommen. Jetzt brauche ich Raum.
Je länger ich in den vergangenen Tagen mit diesem Erlebnis sitze, desto stärker empfinde ich den Unfall auch symbolisch. Ein Auto in Bewegung- Geschwindigkeit - Außenwelt - Vorwärts - im Tun. Für mich trägt all das eine starke Yang-Energie. Und genau diese Energie trifft mich. Sie bringt mich zu Fall. Und meine unmittelbare Reaktion? Aufspringen.
Natürlich war das eine Schockreaktion. Und gleichzeitig erkenne ich darin heute etwas aus meinem ganzen Leben wieder. Wenn etwas passiert, stehe ich auf. Wenn es schwierig wird, übernehme ich das Ruder. Wenn ein Sturm kommt, halte ich es eben noch ein bisschen fester. Ich kann das, verdammt gut sogar. Diese Fähigkeit hat mich durch einige der dunkelsten Stunden meines Lebens getragen. Heute frage ich mich allerdings etwas anderes: Muss ich das Ruder wirklich immer in der Hand halten?
Seit diesem Unfall zieht es mich in eine vollkommen andere Energie. In die Stille, ins Schlafen, ins Weinen, ins Empfangen, in die Meditation. Zu meinem Partner, zu meiner Familie, zu meinen Tieren, zu meinem Zuhause, zu mir.
Vom Yang ins Yin. Vom Machen ins Sein. Vom Halten ins Gehaltenwerden. Vom Geben ins Empfangen. Vom Außen ins Innen.
Und vermutlich liegt genau hier mein eigentlicher Weckruf.
Dieser Unfall erzählt mir weniger davon, was ich in Zukunft alles verändern soll. Er lädt mich vielmehr dazu ein, eine andere Qualität des Lebens kennenzulernen. Eine, in der ich das Ruder manchmal lockerer halte. Eine, in der ich dem Leben zutraue, ebenfalls eine Strömung zu besitzen.
Heute habe ich wieder meditiert, wie jeden Tag seit diesem speziellen Sonntag. Und in dieser Meditation bekam ich von meinem Geistführer einen sehr klaren Impuls:
Komm erst zurück, wenn deine blauen Flecken verschwunden sind.
Außerdem kamen zwei weitere Impulse: Mein Bewusstsein auszudehnen und Zitronenwasser zu trinken. Ich musste über Letzteres direkt ein bisserl schmunzeln.
So sind meine Meditationen ganz oft:-) Große kosmische Botschaften treffen auf Zitronenwasser.
Willkommen in meinem verrückten Leben. Doch gerade das Bild meiner blauen Flecken berührt mich. Mein Körper trägt im Moment sichtbar die Spuren dessen, was geschehen ist.
In blau- lila-grün-Tönen. Sie verändern sich jeden Tag. Mein Körper ist in Heilung.
Und während mein Körper diese sichtbaren Spuren verwandelt, darf offenbar auch in meinem Inneren etwas seine Gestalt verändern.
Deshalb möchte ich gerade gar keine Entscheidung darüber treffen, wann ich wieder zurückkehre, oder wie, oder wohin überhaupt.
Vielleicht darf meine Haut mir diesmal den Rhythmus vorgeben.
Seit dem Unfall denke ich viel über Lebensenergie nach. Denn wenn einem plötzlich bewusst wird, dass auch diese Inkarnation endlich ist, verändert sich der Blick darauf, wofür man seine Energie verwendet.
Meine Lebensenergie ist mir unglaublich kostbar. Sie ist die Kraft, mit der ich liebe. Mit der ich meine Kinder umarme, mit der ich meinen Partner berühre. Mit der ich Brot backe und mit der ich meine Tiere versorge. Mit der ich hier meinen geliebten Blog schreibe.
Mit der ich Frauen begleite. Mit der ich lache, weine, denke, träume, gärtnere, koche, lerne und erschaffe.
Diese Energie ist mein Leben. Und ich werde zukünftig noch viel bewusster damit umgehen. Weniger aus einem Gefühl des permanenten Verfügbarseins heraus.
Mehr aus Fülle und aus Verkörperung. Mehr aus einem inneren ganz lauten Ja.
Ich spüre gerade sehr deutlich: Ich möchte mein Leben zuerst leben und irgendwann darüber erzählen. Ich möchte Erfahrungen erst durch meinen Körper wandern lassen. Ich möchte sie schmecken und ich möchte sie verdauen. Ich möchte sie zu meiner eigenen Wahrheit werden lassen.
Und irgendwann dürfen Worte daraus entstehen.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht....
In den vergangenen Wochen beschäftigt mich immer wieder das Bild des Gefäßes. Und inzwischen verstehe ich langsam, warum.
Ein Gefäß rennt dem Wasser nicht hinterher. Es muss den Fluss nicht kontrollieren. Es hält sich bereit, es empfängt, es lässt sich füllen. Und aus einem gefüllten Gefäß kann etwas weiterfließen.
Viel zu lange habe ich geglaubt, ich müsste vor allem diejenige sein, die das Ruder hält.
Aber was geschieht, wenn ich zum Gefäß werde? Wenn ich mich einfach vom Leben füllen lasse? Wenn meine Kraft weniger daraus entsteht, dass ich alles unter Kontrolle halte, und mehr daraus, dass ich tief mit mir verbunden bin? Wenn ich empfange, bevor ich gebe?
Wenn ich mich halten lasse, bevor ich andere halte?
Ich fühle, hier beginnt eine vollkommen andere Form von Kraft. Eine weichere, eine weiblichere, eine, die weniger beweisen muss. Eine, die aus der Tiefe entsteht.
Ich weiß noch nicht, welche Frau zurückkommen wird. Und genau deshalb endet dieser Text heute mitten in der Geschichte. Meine blauen Flecken sind noch da.
Mein Körper heilt, ab und an weine ich noch. Ich schlafe viel. Ich meditiere und tanze. Frühmorgens neben den Hühnern. Sie finden das super spannend :-)
Ich lasse mich halten, ich höre mir selbst zu... Ja und natürlich trinke ich mein Zitronenwasser.
Und ich habe gerade überhaupt kein Bedürfnis, aus dieser Erfahrung bereits ein fertiges Konzept zu machen. Nicht jede Erfahrung braucht einen sofortigen Sinn. Zu allererst braucht sie Raum zum Atmen und Werden.
Mein Bruder hat mich umarmt. Ich habe gespürt, dass ich bleiben möchte. Und seitdem frage ich mich mehrmals am Tag, wie ich dieses Bleiben für mich gestalten möchte.
Denn wenn ich mich noch einmal für dieses Leben entschieden habe, dann möchte ich auch wirklich hier sein. In meinem Körper, bei den Menschen, die ich liebe. In meinem Zuhause, in meiner Freude, in meiner Stille, in meiner Arbeit. In meiner Seele.
Mit meiner ganzen Lebenskraft.
Ich weiß heute noch nicht, welche Frau zurückkommen wird, wenn meine blauen Flecken verschwunden sind.
Aber ich bin heute schon ziemlich sicher, sie wird das Ruder ein wenig lockerer in ihren Händen halten. Ganz sicher wird sie öfter den Kopf heben, den Wind spüren und sich daran erinnern, dass ein Fluss seine eigene Richtung kennt.
Ich wünsche mir mein Vertrauen besteht irgendwann genau darin: mich vom Leben tragen zu lassen, während meine Hände frei werden.
Das Leben ist schön.
Punkt.











