Der Graben, von dem niemand spricht
Was passiert, wenn eine Frau sich erinnert — und ihr Mann stehen bleibt
Hallo du wundervolles Auge.
Heute Morgen hab ich mit meinem koffeinfreien Capuccino auf die Treppe in den Hof gesetzt, die Hunde noch verschlafen zu meinen Füßen, die 2 Hähne schon schon eifrig am Wetteifern, wer denn nun am lautesten krähen kann. Und ich habe zugeschaut, wie mein Mann Betonsäcke geschleppt hat für die neue Stiege, in aller Ruhe, ein Sack nach dem anderen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt am Donnerstag Morgen. Und ich dachte: so ruhig war das nicht immer zwischen uns.
Es ist mir in den letzten Monaten ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er kam nicht auf einmal, sondern häufte sich, Nachricht für Nachricht, über Jahre, von so vielen von euch, die bei mir im Detox waren. Immer wieder derselbe Satz, in unterschiedlichen Worten:
"Mein Mann versteht das nicht, was mit mir passiert."
"Ich rede mit ihm darüber, und er nickt, aber er ist nicht wirklich dabei."
"Ich komme zurück, verändert, leichter, und er steht noch genau dort, wo ich ihn verlassen habe."
Ich kenne diesen Graben zu gut. Ich kenne ihn aus erster Hand, aus zwei ganz unterschiedlichen Partnerschaften. Mit meinem ersten Mann haben wir früh geträumt, gemeinsam, von einer Weltumsegelung mit unseren Mädels irgendwann, und dann kam die Nacht, in der der Sturm ihm das Leben genommen hat, und ich musste allein weitergehen, mit drei Kindern und einer Trauer, für die niemand Zeit eingeplant hatte.
Mit meinem zweiten Partner haben wir eine Patchworkfamilie mit sechs Kindern gezaubert, viel Chaos, viel Reibung, und mitten in diesem Durcheinander habe ich gelernt, dass zwei Menschen nicht automatisch dieselbe Sprache sprechen, nur weil sie sich lieben. Manchmal muss man sie gemeinsam neu lernen.
Was mir aufgefallen ist, all die Jahre über: wenn eine Frau bei mir anfängt loszulassen, Schicht für Schicht, dann verändert sich etwas in ihr, das man von außen sehen kann. Sie wird ruhiger, klarer, sie traut sich mehr. Und der Mann daneben – nicht weil er nicht will, sondern weil ihm nie gezeigt wurde, wie – bleibt oft genau an der Stelle stehen, an der beide einmal gemeinsam angefangen haben.
Niemand streitet deswegen. Es wird nur leiser zwischen ihnen. Zwei Menschen, die sich lieben, und irgendwann merken sie, dass sie nicht mehr dieselbe Sprache sprechen.
Ich habe lange überlegt, was ich diesen Paaren anbieten könnte, ohne dass es zu einer Paartherapie wird, zu einem Format, in dem einer dem anderen erklären muss, was in ihm vorgeht. Denn das wollte ich nie. Ich glaube nicht daran, dass man jemanden verändern muss. Ich glaube daran, dass jeder Mensch seinen eigenen Zugang zu sich selbst finden darf, über den eigenen Körper, nicht über die Erklärungen des anderen.
So wird im Herbst ein völlig neuer Raum bei mir öffnen, den es in dieser Form noch nicht gab: zwei Menschen, die nebeneinander gehen, jede und jeder die eigene Ausleitung, dieselbe Spagyrik, dasselbe Tempo, ohne dass einer vorausgeht und der andere hinterherläuft. Kein Coaching. Kein Erklären. Nur zwei Körper, die sich gemeinsam erinnern dürfen.
Ich erzähle euch in den nächsten Tagen mehr davon. Für heute reicht mir dieser Gedanke, hier auf der Bank, während mein Mann die Betonsäcke schleppt und die Hühner endlich ihr Frühstück bekommen: vielleicht ist die größte Liebe nicht die, in der zwei Menschen alles gleich sehen. Sondern die, in der beide bereit sind, gemeinsam für sich loszugehen.
Weil: Das Leben ist schön. (Zu Zweit noch schöner) Punkt.











