Heb das schöne Geschirr nicht für später auf
Eine Liebeserklärung an meine Schwiegermama

Meine Schwiegermama ist eine Sammlerin. Eine sehr ordentliche Sammlerin.
Und wenn ich „ordentlich“ sage, dann meine ich eine Frau, die ihre Geschirrtücher bügelt,
mit einer Bügelmaschine!
Diese Geschirrtücher liegen anschließend fein säuberlich sortiert im Schrank. Es gibt alte und neue. Welche für Gläser, und welche für Töpfe. Und vermutlich würde ich bereits beim beherzten Griff in den falschen Stapel das empfindliche Gleichgewicht ihres wohlgeordneten Haushalts gefährden. (Ich hab mich nie getraut da reinzugreifen)
Ich kenne meine Schwiegermama seit dreißig Jahren. Dreißig Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Ich war vor dem Tod ihres Sohnes, meines ersten Mannes, sehr oft bei ihr und kenne ihr Haus, ihre Küche und natürlich auch das Esszimmer mit der Kredenz.
Und in dieser Kredenz steht es. Das schöne Geschirr. Meine Schwiegermama liebt Geschirr.
Schon immer. Über die Jahre hat sie wunderschöne und teilweise wirklich wertvolle Stücke gesammelt. Viel Villeroy & Boch, feines Porzellan, Streublümchen, ganze Service und einzelne Stücke, die irgendwann einmal richtig viel Geld gekostet haben.
Die Schränke ihres Hauses sind voll davon. In der Küche gibt es das Alltagsgeschirr. Und dann gibt es das andere. Das Gute das für besondere Anlässe. Das Geschirr für die Feiertage.
Und obwohl ich diese Familie seit dreißig Jahren kenne und früher wirklich oft dort gegessen habe, könnte ich vermutlich an zwei Händen abzählen, wie oft wir tatsächlich von diesem wunderschönen Geschirr gegessen haben.
Vielleicht zehnmal? In dreißig Jahren. Das Geschirr selbst dürfte mittlerweile weit über vierzig Jahre alt sein. Oder älter? (Ich werd sie fragen) Und weißt du was?
Es sieht aus wie neu. Natürlich tut es das. Es wurde gehütet wie ein Schatz, bewahrt, geliebt.
Und für diese besonderen Tage aufgehoben.
Ich verstehe meine Schwiegermama sogar. Diese Geschichte berührt mich so und gerade deshalb muss ich sie hier erzählen.
Sie hat diese Dinge gekauft und sich schenken lassen, weil sie ihr gefallen haben. Weil sie ihr wertvoll waren. Weil sie ihr etwas bedeuten.
Und wenn uns etwas kostbar erscheint, entsteht schnell dieser Impuls: Darauf passe ich besonders gut auf. Das heben wir also für gut auf. Das nehmen wir nur am Sonntag. Das kommt zu Weihnachten heraus. Das ist nur für Besuch. Das tragen wir zu einem besonderen Anlass. Das öffnen wir irgendwann.
Und so steht das gute Geschirr in der Kredenz. Jahr für Jahr, Weihnachten kommt, Ostern kommt, Geburtstage kommen, die Kinder werden groß. Enkelkinder werden geboren.
Menschen kommen an diesen Tisch und irgendwann sitzen andere Menschen dort.
Und das Porzellan wartet, fast makellos. Fast wie damals, als es gekauft wurde.
Eigentlich wunderschön. Und irgendwie macht mich genau das ein bisschen wehmütig.
Denn wann ist eigentlich „später“?
Ich glaube, wir Menschen sind ziemlich gut im Aufheben. Wir heben die schöne Kerze auf, weil sie zum Abbrennen fast zu schade ist. Wir bewahren das besondere Parfum für besondere Gelegenheiten. Die schöne weiße Tischwäsche liegt im Kasten. Das teure Seidenkleid wartet auf einen Anlass. Der besondere Jahrgangswein bleibt im Keller, weil wir irgendwann den richtigen Moment dafür finden werden.
Und manchmal heben wir irgendwann sogar unser Leben auf. Wenn die Kinder größer sind, wenn im Beruf weniger los ist, wenn dann das Haus fertig ist, wenn mehr Geld da ist.
Wenn wir mehr Zeit haben, wenn irgendwann alles ein bisschen besser passt.
Dann. JA, dann machen wir diese Reise. Dann laden wir die Menschen zu uns ein. Dann öffnen wir diese Flasche. Dann tragen wir das Seidenkleid. Dann benutzen wir das gute Geschirr.
Dabei besteht unser Leben zu einem erstaunlich großen Teil aus ganz gewöhnlichen Dienstagen. Bei uns aus glutenfreien Reisnudeln mit Tomatensauce. Aus einem schnellen Frühstück, aus koffeinfreien Capuccino mit Hafermilch am Küchentisch. Aus Kindern, die Brösel verteilen. Aus jemandem, der fragt, ob noch glutenfreies Brot da ist.
Aus einem Glas Wein am Abend. Aus Gesprächen, die länger dauern als geplant. Aus Menschen, die noch bleiben, obwohl sie eigentlich schon vor einer Stunde nach Hause fahren wollten. (meine Lieblingsmenschen) Aus Kerzen, die herunterbrennen und aus Tischdecken, die bei mir eher früher als später Flecken kriegen.
Aus Gläsern, die zerbrechen. (Ich bin die Queen of broken Sektgläser) Aus Tellern mit Kratzern und ausgeschlagenen Kanten...
Einfach aus Leben.
Ich sammle übrigens auch Geschirr...
Jetzt muss ich an dieser Stelle etwas gestehen.
Der Apfel fällt in dieser Familie offenbar gar nicht so weit vom (Schwieger-)Stamm. Denn ich sammle ebenfalls Porzellan. Allerdings habe ich eine ganz besondere Schwäche:
alte Porzellankannen.
Je älter, desto lieber. Und beim Design bin ich erstaunlich leidenschaftslos. Ich liebe sie alle.
Die zarten mit Linien und die kitschigen aus den 70ern in orange-braun, die geblümten.
Die mit Goldrand und die schlichten in weiß.
Diejenigen mit Mustern, bei denen man heute vielleicht kurz den Kopf schief legt und sich fragt, welches Jahrzehnt dafür verantwortlich war. (Ok es waren meistens die 70er)
Ich liebe gerade das. Denn jedes dieser Designs war irgendwann einmal modern. Mehr noch: manche dieser Kannen waren früher mal richtig teuer. Irgendwann stand einmal eine Frau vor genau dieser Kanne und fand sie wunderschön.
Vielleicht hat sie darauf gespart, oder bekam sie sie zur Hochzeit. Vermutlich gehörte sie zu einem ganzen Service. Eventuell stand sie jeden Sonntagnachmittag auf einem fein gedeckten Tisch und Kaffee wurde daraus eingeschenkt, während daneben der Gugelhupf angeschnitten wurde.
Vielleicht durfte sie aber auch nur heraus, wenn Besuch kam. Und irgendwann verging die Zeit, das Muster kam aus der Mode, das Service wurde unvollständig, der Deckel ging verloren.
Und genau da komme ich ins Spiel. Denn meine Porzellankannen brauchen keinen Deckel mehr.
Meine Porzellankannen sind nämlich Vasen.
Bei mir im Südburgenland bekommen sie ein zweites Leben.
Auf unserem Hof stehen diese alten Kannen auf Tischen, Fensterbänken und Kommoden.
Und darin stecken Blumen. Meistens Wiesenblumen, die ich auf meinen Hunderunden sammle, oder Rosen aus meinem Rosengarten, Dahlien, Margeriten....
Was auch immer mein Garten, die Wiese und die Jahreszeit gerade hergeben. Und ich liebe diese Kannen. Wirklich! Oft gehe ich an einer vorbei und freue mich einfach darüber, wie schön sie aussieht.
Eine alte Kaffeekanne, vielleicht sechzig oder siebzig Jahre alt, längst aus der Mode gekommen, ohne Deckel und damit für ihren ursprünglichen Zweck vermutlich vollkommen uninteressant geworden. Und jetzt steht sie hier, bei mir. Auf unserem alten Hof im Südburgenland.
Voller Blumen, und wird wieder geliebt. Ab und zu frage ich mich tatsächlich, wem sie einmal gehört hat. Dann stelle ich stelle mir diese Frau vor. Vielleicht lebte sie vor vielen Jahrzehnten irgendwo in Wien, oder in Graz. Oder in irgendeinem kleinen Dorf.
Vielleicht hat sie ihre Kanne genauso geliebt wie meine Schwiegermama ihr schönes Geschirr liebt. Und ich frage mich:
Was würde diese Frau wohl sagen, wenn sie sehen könnte, was aus ihrer guten Porzellankanne geworden ist?
Vielleicht wäre sie im ersten Moment ein bisschen irritiert. Eine Vase? Meine gute Kaffeekanne? Und dann würde ich ihr gerne zeigen, wo sie jetzt steht. Ich würde ihr zeigen, wie ich im Garten Blumen abschneide und überlege, welche am schönsten zu ihrer Kanne passen. Wie ich sie mit Wasser fülle. Wie ich sie mitten auf meinen Tisch stelle. Wie oft ich im Vorbeigehen hinschaue. Und wie sehr ich mich über sie freue.
Und hoffentlich würde diese Frau irgendwann lächeln. Im besten Fall würde sie ihre alte Kanne anschauen, die Jahrzehnte nach ihrem eigenen Leben noch immer irgendwo auf dieser Erde steht, und denken:
Na schau. Sie wird noch immer gebraucht.
Zwar anders als damals und anders als gedacht. Mit Dahlien statt Kaffee. Aber mitten im Leben. Und vor allem: geliebt. Ich finde diesen Gedanken wunderschön. Du auch?
Ich finde, wir müssen solche Dinge gar nicht für immer bewahren.
Wir dürfen sie auch verändern. Ein altes Kleid darf irgendwann zu etwas anderem werden.
Ein alter Tisch darf Kratzer bekommen. Aus einer Kaffeekanne darf eine schnöde Blumenvase werden.
Ich bin der Meinung, ein Gegenstand muss seinen ursprünglichen Zweck gar nicht behalten, damit seine Geschichte weitergeht. Vielleicht reicht es, wenn irgendwann wieder jemand vor ihm steht und sagt:
Du bist schön. Du darfst bei mir bleiben.
Und plötzlich bekommt etwas, dessen erste Geschichte längst zu Ende schien, eine zweite.
Manchmal sogar eine dritte. Für mich ist genau das eine besonders schöne Form des Bewahrens. (Ach da kommt wieder meine Kulturanthropolginnenseele durch merk ich grad...)
Ich liebe Gebrauchsspuren, und während ich das so eintippe muss ich lächeln, weil ich ja selbst auch schon einige Gebrauchspuren in meinem Gesicht sehe.. die ich ganz zauberhaft finde übrigens :-)
Hier liegt vermutlich genau einer der Unterschiede zwischen meiner Schwiegermama und mir. Sie liebt ihre schönen Dinge, indem sie gut auf sie aufpasst. Und ich liebe schöne Dinge, indem ich sie benutze. Beides kommt aus derselben Quelle.
Aus Wertschätzung.
Ich liebe es, Menschen um einen Tisch zu versammeln und irgendwann dieses wunderbare Durcheinander entstehen zu sehen, wenn alle gleichzeitig reden, jemand laut lacht und längst keiner mehr darauf achtet, ob irgendwo ein Tropfen Wein auf der besonderen Tischdecke gelandet ist. (Ich erinnere mich gut, früher wurde immer eine durchsichtige Plastikfolie auf die schöne Tischdecke gelegt..)
Und JA, das ist auch der Grund, weshalb ich Feste so liebe. Egal ob meinen Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Silvester, Mottopartys....
Ich brauche manchmal einfach einen Grund, um zu sagen:
Heute machen wir es schön.
Und je älter ich werde, desto öfter denke ich: Eigentlich reicht ein Dienstag vollkommen aus.
Gebrauchsspuren sind Erinnerungen...
Ein Kratzer sagt: hier wurde gegessen. Ein matter Goldrand sagt: diese Tasse wurde hundertmal in die Hand genommen. Ein kleiner Sprung sagt: jemand hat damit gelebt. Eine Tischdecke mit einem Rotweinfleck erzählt von einem Abend, an dem so viel gelacht wurde, dass das Glas umgefallen ist.
Gebrauchsspuren zeigen einfach, dass etwas Teil unseres Lebens geworden ist. Und irgendwie wünsche ich mir das auch für uns Menschen. Dass wir irgendwann auf unser Leben schauen und Gebrauchsspuren haben. Falten vom Lachen so wie ich, Narben von unseren Geschichten. Erinnerungen an Nächte, die länger wurden als geplant. Fotos, auf denen irgendjemand die Augen geschlossen hat, meistens bin ich das leider...
Rezepte mit Flecken, Tische mit Macken und Geschirr mit Kratzern. Herzen voller Geschichten. Weil wir hier waren und weil wir dieses Leben ausgekostet haben. Weil wir mittendrin waren.
Das wunderschöne Geschirr meiner Schwiegermama wird vermutlich irgendwann vererbt.
Ich geh davon aus, an eine ihrer geliebten Enkelinnen. Und allein bei diesem Gedanken sehe ich sie schon vor mir. Eine dieser jungen Frauen, in ihrer eigenen Küche. Vielleicht ist sie dann längst selbst Mama, ihre Kinder stehen um sie herum.
Ja vielleicht ist es sogar ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Wenn sie Julia heißt, dann hat sie ziemlich sicher verschlafen. (Insider) Dann sitzt sie noch im Pyjama am Tisch. Und nimmt dann einen dieser Teller von Oma aus dem Schrank. Omas Teller. Dieses wunderschöne Porzellan, das Oma jahrzehntelang gehütet hat.
Und dann wünsche ich mir etwas. Ich wünsche mir, dass sie ihr Nutellabrot darauf isst.
Einfach so, an einem Dienstag. Ich wünsche mir, dass sie ihren Kaffee aus einer dieser schönen Tassen trinkt und daass ihre Kinder irgendwann davon essen.
Dass ihre FreundInnen zu Besuch kommen und die schönen Teller auf dem Tisch stehen. Dass irgendwann einer davon einen Kratzer bekommt und dass die Goldkante langsam ein bisschen matter wird.
Ja und wenn meine Töchter nach mir kommen, dann wird irgendwann sogar eine Tasse zu Bruch gehen. Dann wird für einen Moment jemand traurig sein und sagen:
„Ach, die war von Oma.“ Und plötzlich war diese Tasse viel mehr als ein schönes Stück Porzellan. Sie war dabei.
Liebe Schwiegermama …
Vielleicht liest du diesen Text.
Und spätestens bei der Bügelmaschine für die Geschirrtücher weißt du sowieso längst, dass ich von dir schreibe. Deine Tarnung war an dieser Stelle endgültig dahin. Und ich möchte, dass du weißt: Ich schreibe das voller Liebe.
Denn dein wunderschönes Geschirr erzählt sehr viel von dir. Davon, wie sehr du schöne Dinge wertschätzt. Wie sorgsam du mit ihnen umgehst. Wie wichtig dir Ordnung und Bewahren sind. Genau deswegen wird genau deshalb irgendwann eines deiner Enkelkinder eine Tasse in den Händen halten, die aussieht, als hättest du sie gerade erst gekauft.
Und sie wird wissen: Die war von Oma.
Ich bin sicher sie wird sich an euer Haus erinnern. An die Kredenz im Esszimmer. An deine Ordnung und an deine Geschirrtücher. An Feiertage an eurem immer reich gedeckten Tisch. Aber ganz besonders an dich.
Und vielleicht macht sie dann etwas, das du selbst viel seltener gemacht hast. Sie benutzt diese Tasse jeden Tag. Und irgendwie finde ich diesen Gedanken wunderschön. Denn dann lebt deine Liebe zu diesen Dingen weiter. Nur ein bisschen anders. Vielleicht mit ein paar Kratzern mehr.
Und während ich darüber schreibe, denke ich darüber nach, was ich selbst irgendwann hinterlassen möchte. Natürlich ein paar wenige Dinge. Fotos, Audios und meine Tagebücher. Alte Familienrezepte und Familiengeschichten, so wie diese hier...
Und mit ziemlicher Sicherheit eine beachtliche Sammlung alter Porzellankannen, bei denen irgendeines meiner Kinder irgendwann seufzend fragen wird:
„Was machen wir jetzt bitte mit all diesen Kannen?“ Und ich hoffe, irgendjemand sagt:
Mama würden sagen: "Blumen rein".
Aber vor allem wünsche ich mir, dass meine Kinder und zukünftigen Enkelkinder etwas anderes von mir mitnehmen:
Wartet mit dem Leben nicht auf später. Zündet die Kerze JETZT an. Öffnet den guten Wein bevor er zu Essig wird. Tragt das schöne Kleid, bevor es zu eng wird...
Deckt den Tisch besonders schön, ladet die Menschen ein, bevor ihr sie nur mehr am Friedhof feiern könnt. Backt den aufwendigen Kuchen mit den 10000 Kalorien.
Macht die Musik ganz laut. Feiert euren Geburtstag. Und stellt Blumen in die alte Kaffeekanne. Esst das Nutellabrot vom guten Porzellan. Und wenn irgendwann etwas Kratzer bekommt, dann erzählt es eben davon, dass es dabei war. Mitten im Leben.
Denn irgendwann werden aus unseren heutigen Alltagsgegenständen Erinnerungsstücke.
Aus Dingen werden Geschichten. Und aus diesem ganz gewöhnlichen Dienstag wird irgendwann: „Weißt du noch damals …?“
Genau deshalb ist HEUTE viel besonderer, als wir ganz oft glauben. Das gute Geschirr braucht gar keinen besonderen Anlass. Es braucht einfach Menschen, die davon essen.
Und für mich braucht die alte Porzellankanne gar keinen Deckel. Sie braucht nur einen Strauß Blumen und jemanden, der sie wieder wunderschön findet.
Heb das schöne Geschirr nicht für später auf.
Das Leben selbst ist der besondere Anlass.
Und es ist schön.
Punkt.











