Heb das schöne Geschirr nicht für später auf

25. August 2026

Eine Liebeserklärung an meine Schwiegermama

Meine Schwiegermama ist eine Sammlerin. Eine sehr ordentliche Sammlerin.

Und wenn ich „ordentlich“ sage, dann meine ich eine Frau, die ihre Geschirrtücher bügelt,

mit einer Bügelmaschine!


Diese Geschirrtücher liegen anschließend fein säuberlich sortiert im Schrank. Es gibt alte und neue. Welche für Gläser, und welche für Töpfe. Und vermutlich würde ich bereits beim beherzten Griff in den falschen Stapel das empfindliche Gleichgewicht ihres wohlgeordneten Haushalts gefährden. (Ich hab mich nie getraut da reinzugreifen)


Ich kenne meine Schwiegermama seit dreißig Jahren. Dreißig Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Ich war vor dem Tod ihres Sohnes, meines ersten Mannes, sehr oft bei ihr und kenne ihr Haus, ihre Küche und natürlich auch das Esszimmer mit der Kredenz.


Und in dieser Kredenz steht es. Das schöne Geschirr. Meine Schwiegermama liebt Geschirr.

Schon immer. Über die Jahre hat sie wunderschöne und teilweise wirklich wertvolle Stücke gesammelt. Viel Villeroy & Boch, feines Porzellan, Streublümchen, ganze Service und einzelne Stücke, die irgendwann einmal richtig viel Geld gekostet haben.


Die Schränke ihres Hauses sind voll davon. In der Küche gibt es das Alltagsgeschirr. Und dann gibt es das andere. Das Gute das für besondere Anlässe. Das Geschirr für die Feiertage.

Und obwohl ich diese Familie seit dreißig Jahren kenne und früher wirklich oft dort gegessen habe, könnte ich vermutlich an zwei Händen abzählen, wie oft wir tatsächlich von diesem wunderschönen Geschirr gegessen haben.


Vielleicht zehnmal? In dreißig Jahren. Das Geschirr selbst dürfte mittlerweile weit über vierzig Jahre alt sein. Oder älter? (Ich werd sie fragen) Und weißt du was?


Es sieht aus wie neu. Natürlich tut es das. Es wurde gehütet wie ein Schatz, bewahrt, geliebt.

Und für diese besonderen Tage aufgehoben.


Ich verstehe meine Schwiegermama sogar. Diese Geschichte berührt mich so und gerade deshalb muss ich sie hier erzählen.

Sie hat diese Dinge gekauft und sich schenken lassen, weil sie ihr gefallen haben. Weil sie ihr wertvoll waren. Weil sie ihr etwas bedeuten.


Und wenn uns etwas kostbar erscheint, entsteht schnell dieser Impuls: Darauf passe ich besonders gut auf. Das heben wir also für gut auf. Das nehmen wir nur am Sonntag. Das kommt zu Weihnachten heraus. Das ist nur für Besuch. Das tragen wir zu einem besonderen Anlass. Das öffnen wir irgendwann.


Und so steht das gute Geschirr in der Kredenz. Jahr für Jahr, Weihnachten kommt, Ostern kommt, Geburtstage kommen, die Kinder werden groß. Enkelkinder werden geboren.

Menschen kommen an diesen Tisch und irgendwann sitzen andere Menschen dort.


Und das Porzellan wartet, fast makellos. Fast wie damals, als es gekauft wurde.

Eigentlich wunderschön. Und irgendwie macht mich genau das ein bisschen wehmütig.

Denn wann ist eigentlich „später“?


Ich glaube, wir Menschen sind ziemlich gut im Aufheben. Wir heben die schöne Kerze auf, weil sie zum Abbrennen fast zu schade ist. Wir bewahren das besondere Parfum für besondere Gelegenheiten. Die schöne weiße Tischwäsche liegt im Kasten. Das teure Seidenkleid wartet auf einen Anlass. Der besondere Jahrgangswein bleibt im Keller, weil wir irgendwann den richtigen Moment dafür finden werden.


Und manchmal heben wir irgendwann sogar unser Leben auf. Wenn die Kinder größer sind, wenn im Beruf weniger los ist, wenn dann das Haus fertig ist, wenn mehr Geld da ist.

Wenn wir mehr Zeit haben, wenn irgendwann alles ein bisschen besser passt.


Dann. JA, dann machen wir diese Reise. Dann laden wir die Menschen zu uns ein. Dann öffnen wir diese Flasche. Dann tragen wir das Seidenkleid. Dann benutzen wir das gute Geschirr.


Dabei besteht unser Leben zu einem erstaunlich großen Teil aus ganz gewöhnlichen Dienstagen. Bei uns aus glutenfreien Reisnudeln mit Tomatensauce. Aus einem schnellen Frühstück, aus koffeinfreien Capuccino mit Hafermilch am Küchentisch. Aus Kindern, die Brösel verteilen. Aus jemandem, der fragt, ob noch glutenfreies Brot da ist.


Aus einem Glas Wein am Abend. Aus Gesprächen, die länger dauern als geplant. Aus Menschen, die noch bleiben, obwohl sie eigentlich schon vor einer Stunde nach Hause fahren wollten. (meine Lieblingsmenschen) Aus Kerzen, die herunterbrennen und aus Tischdecken, die bei mir eher früher als später Flecken kriegen.


Aus Gläsern, die zerbrechen. (Ich bin die Queen of broken Sektgläser) Aus Tellern mit Kratzern und ausgeschlagenen Kanten...

Einfach aus Leben.


Ich sammle übrigens auch Geschirr...

Jetzt muss ich an dieser Stelle etwas gestehen.

Der Apfel fällt in dieser Familie offenbar gar nicht so weit vom (Schwieger-)Stamm. Denn ich sammle ebenfalls Porzellan. Allerdings habe ich eine ganz besondere Schwäche:

alte Porzellankannen.


Je älter, desto lieber. Und beim Design bin ich erstaunlich leidenschaftslos. Ich liebe sie alle.

Die zarten mit Linien und die kitschigen aus den 70ern in orange-braun, die geblümten.

Die mit Goldrand und die schlichten in weiß.


Diejenigen mit Mustern, bei denen man heute vielleicht kurz den Kopf schief legt und sich fragt, welches Jahrzehnt dafür verantwortlich war. (Ok es waren meistens die 70er)


Ich liebe gerade das. Denn jedes dieser Designs war irgendwann einmal modern. Mehr noch: manche dieser Kannen waren früher mal richtig teuer. Irgendwann stand einmal eine Frau vor genau dieser Kanne und fand sie wunderschön.


Vielleicht hat sie darauf gespart, oder bekam sie sie zur Hochzeit. Vermutlich gehörte sie zu einem ganzen Service. Eventuell stand sie jeden Sonntagnachmittag auf einem fein gedeckten Tisch und Kaffee wurde daraus eingeschenkt, während daneben der Gugelhupf angeschnitten wurde.


Vielleicht durfte sie aber auch nur heraus, wenn Besuch kam. Und irgendwann verging die Zeit, das Muster kam aus der Mode, das Service wurde unvollständig, der Deckel ging verloren.


Und genau da komme ich ins Spiel. Denn meine Porzellankannen brauchen keinen Deckel mehr.

Meine Porzellankannen sind nämlich Vasen.


Bei mir im Südburgenland bekommen sie ein zweites Leben.

Auf unserem Hof stehen diese alten Kannen auf Tischen, Fensterbänken und Kommoden.

Und darin stecken Blumen. Meistens Wiesenblumen, die ich auf meinen Hunderunden sammle, oder Rosen aus meinem Rosengarten, Dahlien, Margeriten....


Was auch immer mein Garten, die Wiese und die Jahreszeit gerade hergeben. Und ich liebe diese Kannen. Wirklich! Oft gehe ich an einer vorbei und freue mich einfach darüber, wie schön sie aussieht.


Eine alte Kaffeekanne, vielleicht sechzig oder siebzig Jahre alt, längst aus der Mode gekommen, ohne Deckel und damit für ihren ursprünglichen Zweck vermutlich vollkommen uninteressant geworden. Und jetzt steht sie hier, bei mir.  Auf unserem alten Hof im Südburgenland.


Voller Blumen, und wird wieder geliebt. Ab und zu frage ich mich tatsächlich, wem sie einmal gehört hat. Dann stelle ich stelle mir diese Frau vor. Vielleicht lebte sie vor vielen Jahrzehnten irgendwo in Wien, oder in Graz. Oder in irgendeinem kleinen Dorf.


Vielleicht hat sie ihre Kanne genauso geliebt wie meine Schwiegermama ihr schönes Geschirr liebt. Und ich frage mich:


Was würde diese Frau wohl sagen, wenn sie sehen könnte, was aus ihrer guten Porzellankanne geworden ist?


Vielleicht wäre sie im ersten Moment ein bisschen irritiert. Eine Vase? Meine gute Kaffeekanne? Und dann würde ich ihr gerne zeigen, wo sie jetzt steht. Ich würde ihr zeigen, wie ich im Garten Blumen abschneide und überlege, welche am schönsten zu ihrer Kanne passen. Wie ich sie mit Wasser fülle. Wie ich sie mitten auf meinen Tisch stelle. Wie oft ich im Vorbeigehen hinschaue. Und wie sehr ich mich über sie freue.


Und hoffentlich würde diese Frau irgendwann lächeln. Im besten Fall würde sie ihre alte Kanne anschauen, die Jahrzehnte nach ihrem eigenen Leben noch immer irgendwo auf dieser Erde steht, und denken:


Na schau. Sie wird noch immer gebraucht.


Zwar anders als damals und anders als gedacht. Mit Dahlien statt Kaffee. Aber mitten im Leben. Und vor allem: geliebt. Ich finde diesen Gedanken wunderschön. Du auch?


Ich finde, wir  müssen solche Dinge gar nicht für immer bewahren.

Wir dürfen sie auch verändern. Ein altes Kleid darf irgendwann zu etwas anderem werden.

Ein alter Tisch darf Kratzer bekommen. Aus einer Kaffeekanne darf eine schnöde Blumenvase werden.


Ich bin der Meinung, ein Gegenstand muss seinen ursprünglichen Zweck gar nicht behalten, damit seine Geschichte weitergeht. Vielleicht reicht es, wenn irgendwann wieder jemand vor ihm steht und sagt:


Du bist schön. Du darfst bei mir bleiben.

Und plötzlich bekommt etwas, dessen erste Geschichte längst zu Ende schien, eine zweite.

Manchmal sogar eine dritte. Für mich ist genau das eine besonders schöne Form des Bewahrens. (Ach da kommt wieder meine Kulturanthropolginnenseele durch merk ich grad...)


Ich liebe Gebrauchsspuren, und während ich das so eintippe muss ich lächeln, weil ich ja selbst auch schon einige Gebrauchspuren in meinem Gesicht sehe.. die ich ganz zauberhaft finde übrigens :-)


Hier liegt vermutlich genau einer der Unterschiede zwischen meiner Schwiegermama und mir. Sie liebt ihre schönen Dinge, indem sie gut auf sie aufpasst. Und ich liebe schöne Dinge, indem ich sie benutze. Beides kommt aus derselben Quelle.


Aus Wertschätzung.


Ich liebe es, Menschen um einen Tisch zu versammeln und irgendwann dieses wunderbare Durcheinander entstehen zu sehen, wenn alle gleichzeitig reden, jemand laut lacht und längst keiner mehr darauf achtet, ob irgendwo ein Tropfen Wein auf der besonderen Tischdecke gelandet ist. (Ich erinnere mich gut, früher wurde immer eine durchsichtige Plastikfolie auf die schöne Tischdecke gelegt..)


Und JA, das ist auch der Grund, weshalb ich Feste so liebe. Egal ob meinen Geburtstag,  Weihnachten, Ostern, Silvester, Mottopartys....


Ich brauche manchmal einfach einen Grund, um zu sagen:

Heute machen wir es schön.

Und je älter ich werde, desto öfter denke ich: Eigentlich reicht ein Dienstag vollkommen aus.


Gebrauchsspuren sind Erinnerungen...

Ein Kratzer sagt: hier wurde gegessen. Ein matter Goldrand sagt: diese Tasse wurde hundertmal in die Hand genommen. Ein kleiner Sprung sagt: jemand hat damit gelebt. Eine Tischdecke mit einem Rotweinfleck erzählt von einem Abend, an dem so viel gelacht wurde, dass das Glas umgefallen ist.


Gebrauchsspuren zeigen einfach, dass etwas Teil unseres Lebens geworden ist. Und irgendwie wünsche ich mir das auch für uns Menschen. Dass wir irgendwann auf unser Leben schauen und Gebrauchsspuren haben. Falten vom Lachen so wie ich,  Narben von unseren Geschichten. Erinnerungen an Nächte, die länger wurden als geplant. Fotos, auf denen irgendjemand die Augen geschlossen hat, meistens bin ich das leider...


Rezepte mit Flecken, Tische mit Macken und Geschirr mit Kratzern. Herzen voller Geschichten. Weil wir hier waren und weil wir dieses Leben ausgekostet haben. Weil wir mittendrin waren.


Das wunderschöne Geschirr meiner Schwiegermama wird vermutlich irgendwann vererbt.

Ich geh davon aus, an eine ihrer geliebten Enkelinnen. Und allein bei diesem Gedanken sehe ich sie schon vor mir. Eine dieser jungen Frauen, in ihrer eigenen Küche. Vielleicht ist sie dann längst selbst Mama, ihre Kinder stehen um sie herum.


Ja vielleicht ist es sogar ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Wenn sie Julia heißt, dann hat sie ziemlich sicher verschlafen. (Insider) Dann sitzt sie noch im Pyjama am Tisch. Und nimmt dann einen dieser Teller von Oma aus dem Schrank. Omas Teller. Dieses wunderschöne Porzellan, das Oma jahrzehntelang gehütet hat.


Und dann wünsche ich mir etwas. Ich wünsche mir, dass sie ihr Nutellabrot darauf isst.

Einfach so, an einem Dienstag. Ich wünsche mir, dass sie ihren Kaffee aus einer dieser schönen Tassen trinkt und daass ihre Kinder irgendwann davon essen.


Dass ihre FreundInnen zu Besuch kommen und die schönen Teller auf dem Tisch stehen. Dass irgendwann einer davon einen Kratzer bekommt und dass die Goldkante langsam ein bisschen matter wird.


Ja und wenn meine Töchter nach mir kommen, dann wird irgendwann sogar eine Tasse zu Bruch gehen. Dann wird für einen Moment jemand traurig sein und sagen:

„Ach, die war von Oma.“ Und plötzlich war diese Tasse viel mehr als ein schönes Stück Porzellan. Sie war dabei.


Liebe Schwiegermama …

Vielleicht liest du diesen Text.

Und spätestens bei der Bügelmaschine für die Geschirrtücher weißt du sowieso längst, dass ich von dir schreibe. Deine Tarnung war an dieser Stelle endgültig dahin. Und ich möchte, dass du weißt: Ich schreibe das voller Liebe.


Denn dein wunderschönes Geschirr erzählt sehr viel von dir. Davon, wie sehr du schöne Dinge wertschätzt. Wie sorgsam du mit ihnen umgehst. Wie wichtig dir Ordnung und Bewahren sind. Genau deswegen wird genau deshalb irgendwann eines deiner Enkelkinder eine Tasse in den Händen halten, die aussieht, als hättest du sie gerade erst gekauft.

Und sie wird wissen: Die war von Oma.

Ich bin sicher sie wird sich an euer  Haus erinnern. An die Kredenz im Esszimmer. An deine Ordnung und an deine Geschirrtücher. An Feiertage an eurem immer reich gedeckten Tisch. Aber ganz besonders an dich.


Und vielleicht macht sie dann etwas, das du selbst viel seltener gemacht hast. Sie benutzt diese Tasse jeden Tag. Und irgendwie finde ich diesen Gedanken wunderschön. Denn dann lebt deine Liebe zu diesen Dingen weiter. Nur ein bisschen anders. Vielleicht mit ein paar Kratzern mehr.


Und während ich darüber schreibe, denke ich darüber nach, was ich selbst irgendwann hinterlassen möchte. Natürlich ein paar wenige Dinge. Fotos, Audios und meine Tagebücher. Alte Familienrezepte und Familiengeschichten, so wie diese hier...


Und mit ziemlicher Sicherheit eine beachtliche Sammlung alter Porzellankannen, bei denen irgendeines meiner Kinder irgendwann seufzend fragen wird:


„Was machen wir jetzt bitte mit all diesen Kannen?“ Und ich hoffe, irgendjemand sagt:

Mama würden sagen: "Blumen rein".


Aber vor allem wünsche ich mir, dass meine Kinder und zukünftigen Enkelkinder etwas anderes von mir mitnehmen:


Wartet mit dem Leben nicht auf später. Zündet die Kerze JETZT an. Öffnet den guten Wein bevor er zu Essig wird.  Tragt das schöne Kleid, bevor es zu eng wird...


Deckt den Tisch besonders schön, ladet die Menschen ein, bevor ihr sie nur mehr am Friedhof feiern könnt.  Backt den aufwendigen Kuchen mit den 10000 Kalorien.


Macht die Musik ganz laut. Feiert euren Geburtstag. Und stellt Blumen in die alte Kaffeekanne. Esst das Nutellabrot vom guten Porzellan. Und wenn irgendwann etwas Kratzer bekommt, dann erzählt es eben davon, dass es dabei war. Mitten im Leben.


Denn irgendwann werden aus unseren heutigen Alltagsgegenständen Erinnerungsstücke.

Aus Dingen werden Geschichten. Und aus diesem ganz gewöhnlichen Dienstag wird irgendwann: „Weißt du noch damals …?“


Genau deshalb ist HEUTE viel besonderer, als wir ganz oft glauben. Das gute Geschirr braucht gar keinen besonderen Anlass. Es braucht einfach Menschen, die davon essen.

Und für mich braucht die alte Porzellankanne gar keinen Deckel. Sie braucht nur einen Strauß Blumen und jemanden, der sie wieder wunderschön findet.


Heb das schöne Geschirr nicht für später auf.

Das Leben selbst ist der besondere Anlass.

Und es ist schön.

Punkt.



von 113f33a9-2cef-41c3-bba9-ff55566bbe5f 31. August 2026
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Ich verstand in diesem Moment überhaupt nicht, was gerade mit mir passierte. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich stützte mich ab und landete auf meinen Armen, auf meinem linken Daumen und meiner rechten Handfläche. Und dann tat ich etwas, das ich heute mit ein paar Tagen Abstand sehr interessant finde. Ich sprang sofort wieder auf. Ich drehte mich seitlich um und sah ein Auto. Ein älterer Mann saß am Steuer. Er hatte mich offenbar touchiert und war stehen geblieben. Wir konnten uns sprachlich nicht verständigen. Und ich? Ich sagte sinngemäß: Mir ist nichts passiert. Ich sah an mir runter und ich blutete schließlich auch nirgends. Mein Kopf hatte den Boden verschont :-) Ich stand auf meinen Beinen. Also war doch alles gut. Oder? Heute sehe ich diese wenigen Sekunden mit anderen Augen. Das Auto- der Aufprall - der Boden - sofort Aufstehen - mich kurz Orientieren und Weitermachen. Es ist eine Abfolge von Handlungen, die mein Körper offenbar sehr gut kennt. Denn wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich dieses Muster in beinahe jeder großen Krisensituation: Zuerst habe ich funktioniert. Wenn mein Leben wild wurde, nahm ich das Ruder noch fester in die Hand. Ich organisierte, regelte, entschied und ich trug. Ich kümmerte mich und ich fand Lösungen. Das Ruder festzuhalten ist eine meiner großen Fähigkeiten. Vielleicht sogar eine meiner Überlebensstrategien? Und deshalb sprang ich auch an diesem Sonntag Nachmittag sofort wieder auf. Mein Körper lag gerade auf dem Asphalt und irgendein Teil in mir sagte bereits: weiter Tanja. Ich ging auf die Toilette und bemerkte dort, dass ich mich irgendwie unwohl fühlte. Als ich zu meiner Schwägerin zurückkam, sah sie mich an und sagte, ich sei ganz weiß im Gesicht. Der Schock war längst da, auch wenn mein Verstand noch versuchte, die Situation einzuordnen. Ich rief meine Freundin an, die ebenfalls Heilerin ist, erzählte ihr, was passiert war, und ließ mich von ihr begleiten. Plötzlich war mir zum Weinen. Wir machten kalte Umschläge auf meine Hand und meinen Nacken und irgendwann fuhren wir weiter. Der erste Schock ließ nach. Die Schmerzen in meiner Hand wurden stärker. Und am nächsten Morgen kam mein Körper. So kann ich es bis heute am besten beschreiben: Ich fühlte mich zersplittert. Zerschlagen. Mein ganzer Körper schmerzte. Mein Nacken tat weh, mein Kopf tat weh und gleichzeitig fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise von mir selbst abgetrennt. Als wäre etwas in mir noch gar nicht vollständig zurückgekehrt. Also legte ich mich auf meine geliebte Pranamatte und begann zu meditieren. Und dort geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Ich traf meinen Bruder. Mein Bruder starb im Jahr 2000. Und seit seinem Tod hatte ich ihn auf diese Weise kein einziges Mal erlebt. Jetzt war er da. Und er umarmte mich. Ich begann während der Meditation zu weinen und als ich wieder ganz ins Hier und Jetzt zurückkam, liefen mir immer noch dicke Tränen über das Gesicht. Diese Begegnung hat etwas in mir geöffnet. Denn plötzlich wurde mir mit einer Klarheit, die ich kaum in Worte fassen kann, bewusst: Ich hätte sterben können. Ein Auto hatte mich angefahren. Dieses Mal war es glimpflich ausgegangen. Und trotzdem war da auf einmal dieses Wissen um die Zerbrechlichkeit meines Lebens. Nicht theoretisch. Körperlich. Ich hatte gerade am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich innerhalb eines einzigen Augenblicks alles verändern kann. Und in meiner Meditation fühlte es sich an, als hätte mein Bruder mir noch etwas anderes gezeigt. Dass er da gewesen ist. Dass er mich empfangen hätte. Dass er sich total gefreut hat, mich wiederzusehen. Und gleichzeitig spürte ich etwas vollkommen anderes in mir. Eine Entscheidung. Ich bleibe. Ich habe mich noch einmal für dieses Leben entschieden. Vielleicht lässt sich eine spirituelle Erfahrung niemals vollständig mit Worten erklären. Und vielleicht braucht sie das auch gar nicht. Ich kann lediglich erzählen, wie sie sich für mich angefühlt hat. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich mich noch einmal bewusst für dieses Leben entschieden. Für dieses Leben, für meinen Körper, für meine Familie, für meinen Partner. Für meine Kinder, für unsere Tiere, für unseren Hof. Für all die vollkommen unspektakulären Tage, an denen Hühner gefüttert, Pflanzen gegossen, Essen gekocht, Wäsche gewaschen und Brot gebacken wird. Für das Lachen, für das Lieben. Für das Menschsein. Für all das, was noch durch mich gelebt werden möchte. Ich bleibe. Und nachdem ich diese Entscheidung gespürt hatte, tat ich etwas, das für mich vielleicht genauso bedeutsam war: Ich ließ mich halten. Ich habe unglaublich viel geweint. Ich suchte die Nähe meines Partners. Ich erzählte meiner Mama von meiner Erfahrung und ließ mich von ihr trösten. Und irgendwann bemerkte ich, wie wohltuend es war, gerade selbst einmal überhaupt keinen Raum für jemanden halten zu müssen. Ich durfte diejenige sein, die gehalten wird. Das klingt so einfach. Für mich ist es das gerade überhaupt nicht. Ich bin es gewohnt, Räume zu halten. Für meine Familie, für Frauen, für Klientinnen. Für Menschen, die mit ihren Geschichten zu mir kommen. Ich begleite, fühle, höre, nehme wahr, gebe Impulse, öffne Räume. Und plötzlich wollte etwas in mir genau die entgegengesetzte Bewegung. Zu mir, nach innen, in die Stille. Ich bat deshalb auch die Menschen in meinem Umfeld, von Ratschlägen abzusehen. Denn diesen Prozess will ich selbst durchschreiten, ich will hören, was meine eigene Seele mir erzählt. Ich will meine Wahrnehmung spüren, bevor andere Menschen ihre Wahrnehmungen darüberlegen. Es gibt diesen Satz: a uch Ratschläge sind Schläge. Nach einem tatsächlichen körperlichen Aufprall bekommt dieser Satz für mich gerade eine vollkommen neue Bedeutung. Mein System hatte genug Input bekommen. Jetzt brauche ich Raum. Je länger ich in den vergangenen Tagen mit diesem Erlebnis sitze, desto stärker empfinde ich den Unfall auch symbolisch. Ein Auto in Bewegung- Geschwindigkeit - Außenwelt - Vorwärts - im Tun. Für mich trägt all das eine starke Yang-Energie. Und genau diese Energie trifft mich. Sie bringt mich zu Fall. Und meine unmittelbare Reaktion? Aufspringen. Natürlich war das eine Schockreaktion. Und gleichzeitig erkenne ich darin heute etwas aus meinem ganzen Leben wieder. Wenn etwas passiert, stehe ich auf. Wenn es schwierig wird, übernehme ich das Ruder. Wenn ein Sturm kommt, halte ich es eben noch ein bisschen fester. Ich kann das, verdammt gut sogar. Diese Fähigkeit hat mich durch einige der dunkelsten Stunden meines Lebens getragen. Heute frage ich mich allerdings etwas anderes: Muss ich das Ruder wirklich immer in der Hand halten? Seit diesem Unfall zieht es mich in eine vollkommen andere Energie. In die Stille, ins Schlafen, ins Weinen, ins Empfangen, in die Meditation. Zu meinem Partner, zu meiner Familie, zu meinen Tieren, zu meinem Zuhause, zu mir. Vom Yang ins Yin. Vom Machen ins Sein. Vom Halten ins Gehaltenwerden. Vom Geben ins Empfangen. Vom Außen ins Innen. Und vermutlich liegt genau hier mein eigentlicher Weckruf. Dieser Unfall erzählt mir weniger davon, was ich in Zukunft alles verändern soll. Er lädt mich vielmehr dazu ein, eine andere Qualität des Lebens kennenzulernen. Eine, in der ich das Ruder manchmal lockerer halte. Eine, in der ich dem Leben zutraue, ebenfalls eine Strömung zu besitzen. Heute habe ich wieder meditiert, wie jeden Tag seit diesem speziellen Sonntag. Und in dieser Meditation bekam ich von meinem Geistführer einen sehr klaren Impuls: Komm erst zurück, wenn deine blauen Flecken verschwunden sind. Außerdem kamen zwei weitere Impulse: Mein Bewusstsein auszudehnen und Zitronenwasser zu trinken. Ich musste über Letzteres direkt ein bisserl schmunzeln. So sind meine Meditationen ganz oft:-) Große kosmische Botschaften treffen auf Zitronenwasser. Willkommen in meinem verrückten Leben. Doch gerade das Bild meiner blauen Flecken berührt mich. Mein Körper trägt im Moment sichtbar die Spuren dessen, was geschehen ist. In blau- lila-grün-Tönen. Sie verändern sich jeden Tag. Mein Körper ist in Heilung. Und während mein Körper diese sichtbaren Spuren verwandelt, darf offenbar auch in meinem Inneren etwas seine Gestalt verändern. Deshalb möchte ich gerade gar keine Entscheidung darüber treffen, wann ich wieder zurückkehre, oder wie, oder wohin überhaupt. Vielleicht darf meine Haut mir diesmal den Rhythmus vorgeben. Seit dem Unfall denke ich viel über Lebensenergie nach. Denn wenn einem plötzlich bewusst wird, dass auch diese Inkarnation endlich ist, verändert sich der Blick darauf, wofür man seine Energie verwendet. Meine Lebensenergie ist mir unglaublich kostbar. Sie ist die Kraft, mit der ich liebe. Mit der ich meine Kinder umarme, mit der ich meinen Partner berühre. Mit der ich Brot backe und mit der ich meine Tiere versorge. Mit der ich hier meinen geliebten Blog schreibe. Mit der ich Frauen begleite. Mit der ich lache, weine, denke, träume, gärtnere, koche, lerne und erschaffe. Diese Energie ist mein Leben. Und ich werde zukünftig noch viel bewusster damit umgehen. Weniger aus einem Gefühl des permanenten Verfügbarseins heraus. Mehr aus Fülle und aus Verkörperung. Mehr aus einem inneren ganz lauten Ja. Ich spüre gerade sehr deutlich: Ich möchte mein Leben zuerst leben und irgendwann darüber erzählen. Ich möchte Erfahrungen erst durch meinen Körper wandern lassen. Ich möchte sie schmecken und ich möchte sie verdauen. Ich möchte sie zu meiner eigenen Wahrheit werden lassen. Und irgendwann dürfen Worte daraus entstehen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.... In den vergangenen Wochen beschäftigt mich immer wieder das Bild des Gefäßes. Und inzwischen verstehe ich langsam, warum. Ein Gefäß rennt dem Wasser nicht hinterher. Es muss den Fluss nicht kontrollieren. Es hält sich bereit, es empfängt, es lässt sich füllen. Und aus einem gefüllten Gefäß kann etwas weiterfließen. Viel zu lange habe ich geglaubt, ich müsste vor allem diejenige sein, die das Ruder hält. Aber was geschieht, wenn ich zum Gefäß werde? Wenn ich mich einfach vom Leben füllen lasse? Wenn meine Kraft weniger daraus entsteht, dass ich alles unter Kontrolle halte, und mehr daraus, dass ich tief mit mir verbunden bin? Wenn ich empfange, bevor ich gebe? Wenn ich mich halten lasse, bevor ich andere halte? Ich fühle, hier beginnt eine vollkommen andere Form von Kraft. Eine weichere, eine weiblichere, eine, die weniger beweisen muss. Eine, die aus der Tiefe entsteht. Ich weiß noch nicht, welche Frau zurückkommen wird. Und genau deshalb endet dieser Text heute mitten in der Geschichte. Meine blauen Flecken sind noch da. Mein Körper heilt, ab und an weine ich noch. Ich schlafe viel. Ich meditiere und tanze. Frühmorgens neben den Hühnern. Sie finden das super spannend :-) Ich lasse mich halten, ich höre mir selbst zu... Ja und natürlich trinke ich mein Zitronenwasser. Und ich habe gerade überhaupt kein Bedürfnis, aus dieser Erfahrung bereits ein fertiges Konzept zu machen. Nicht jede Erfahrung braucht einen sofortigen Sinn. Zu allererst braucht sie Raum zum Atmen und Werden. Mein Bruder hat mich umarmt. Ich habe gespürt, dass ich bleiben möchte. Und seitdem frage ich mich mehrmals am Tag, wie ich dieses Bleiben für mich gestalten möchte. Denn wenn ich mich noch einmal für dieses Leben entschieden habe, dann möchte ich auch wirklich hier sein. In meinem Körper, bei den Menschen, die ich liebe. In meinem Zuhause, in meiner Freude, in meiner Stille, in meiner Arbeit. In meiner Seele. Mit meiner ganzen Lebenskraft . Ich weiß heute noch nicht, welche Frau zurückkommen wird, wenn meine blauen Flecken verschwunden sind. Aber ich bin heute schon ziemlich sicher, sie wird das Ruder ein wenig lockerer in ihren Händen halten. Ganz sicher wird sie öfter den Kopf heben, den Wind spüren und sich daran erinnern, dass ein Fluss seine eigene Richtung kennt. Ich wünsche mir mein Vertrauen besteht irgendwann genau darin: mich vom Leben tragen zu lassen, während meine Hände frei werden. Das Leben ist schön. Punkt.
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