13.000 Jahre, ein platter Reifen und ein kaltes Bier
Oder: Warum wir das Leben vorwärts leben und manchmal erst ein paar Stunden später verstehen, warum es uns in eine andere Richtung geschickt hat.

Mein Lebenspartner hat gerade seinen Sommerurlaub. 14 Tage.. und wir verbringen ihn zu Hause.
Das klingt jetzt ungefähr so aufregend wie „Wir räumen endlich den Keller auf“, allerdings leben wir seit ziemlich genau einem Jahr auf unserem wunderschönen Arkadenhof hier im heuer ziemlich sonnigen, trockenen Südburgenland und jeder, der schon einmal in ein altes Haus gezogen ist, weiß vermutlich, dass ein Jahr nach dem Einzug noch gar nichts "fertig" ist....
Hier gibt es immer etwas zu tun.
Im Garten wächst so viel, das täglich zweimal versorgt werden möchte, irgendwo wartet etwas darauf, repariert, gestrichen, geschnitten, geerntet, weggeräumt oder endlich fertiggestellt zu werden, und während man an einer Ecke arbeitet, entstehen auf geheimnisvolle Weise drei neue. Tja so ist das eben als HofbesitzerIn :-)
Also verbringen wir den Urlaub daheim. Und trotzdem möchte ich diese Tage auch dafür nutzen, mit unserer jüngsten Tochter ganz bewusst etwas zu unternehmen. Weil sie wirklich ein Talent dafür hat, ihre eingeschränkte Medienzeit mit ihrem Augenaufschlag täglich auszudehnen.. du weißt was ich meine oder? .-)
Schon vor unserem Umzug hatte ich mir einen Reiseführer gekauft: 75 Ausflugsziele im Südburgenland. Denn wie das eben so ist: Wir fahren zwar hunderte Kilometer in den Urlaub und suchen dort nach den schönsten Plätzen, während wir oft keine Ahnung haben, welche Wunder zehn Minuten von unserer Haustür entfernt liegen.
Für diesen heutigen Samstag im August hatte ich allerdings ursprünglich einen anderen Plan. Ich wollte schon lange wieder mal zur Greifvogelschau nach Riegersburg in die benachbarte Steiermark. Ich liebe Adler, Falken, die alte Burg und den Weitblick.
Fand ICH eine großartige Idee.
Unsere siebenjährige Tochter eher so mittel bis ganz übel.. Details einer Zahnlückenpubertierenden erspare ich euch... seufz..
Sie faselte irgendetwas von Höhenangst und brachte ziemlich deutlich zum Ausdruck, dass ihre Vorstellung eines gelungenen Samstags mit meiner Vorstellung wenig gemeinsam hatte. Noch mehr seufz ist hier wirklich angebracht...
Also Planänderung. ( Tja, bei Kind 4 versuchst du dann nicht mehr dich durchzusetzen, weil du zuviele Ausflüge mit meckerenden Kindern gemacht hast...)
Ich blätterte Freitag Nacht durch meine 75 Ausflugsziele und entschied: Dann fahren wir eben ins Moor. Zehn Minuten von uns entfernt liegt das Rohrer Moor. 80 Hektar Niedermoor. Bis zu 13 Meter mächtig. Und ungefähr 13.000 Jahre alt.
Dreizehntausend!! Ich muss diese Zahl noch einmal hinschreiben, weil mein Gehirn sie kaum greifen kann. 13.000 Jahre. Als dieses Moor bereits mit 1,5 Meter Tiefe existierte, lebten Mammuts auf dieser Erde. (und ev. sogar hier im Burgenland?)
Und heute, an diesem Samstag im August 2026, spazieren wir nun dort herum.
Mein Mann mit Rucksack und Picknick, unsere siebenjährige Tochter und ich. Ganz allein.
Mitten in der Natur.
Es gibt einen schön gepflegten und sogar behindertengerechten und kinderwagentauglichen Wanderweg, Erlebnisstationen und unglaublich viel zu entdecken, und aus dem kleinen Ersatzprogramm für die verschmähte Greifvogelschau wurde innerhalb kürzester Zeit ein Erlebnis, das uns alle drei völlig begeistert hat.
Wir gingen durch den Wald, lasen, entdeckten, staunten und versuchten uns vorzustellen, was dieser Boden alles erlebt haben muss.
Wir wandelten auf 13.000 Jahren Geschichte. Als Kulturanthropologin lässt mich das nicht kalt.. ich verbinde mich nicht nur mit dem Boden, sondern tauche auch gleich in die Kulturgeschichte ein und stell mir vor, was hier schon alles erlebt wurde..
Unsere Tochter war mit einer Begeisterung dabei, die man bei Kindern ohnehin kaum planen kann. Manchmal schleift man sie zu irgendeiner pädagogisch wertvollen Sehenswürdigkeit und bekommt nach zwölf Minuten ein „Wann fahren wir wieder?“ serviert. Und manchmal setzt man sie vor ein Schlammloch und das Kind ist im Paradies.
Wobei.
Das Schlammloch war auch für uns Eltern ein Erlebnis. Es gibt dort nämlich eine Moorsuhle. Und selbstverständlich musste ich hinein. OK, mein Mann auch... ich hab ihn überredet :-) Ebenso selbstverständlich versank ich gleich einmal bis zu den Knien. Aufschrei meinerseits inklusive :-)
Ich würde gerne behaupten, ich hätte in diesem Moment die jahrtausendealte Kraft von Mutter Erde durch meinen Körper strömen gespürt. In Wahrheit war ich hauptsächlich damit beschäftigt, meine Beine wieder herauszubekommen. Schade es gibt keine Bilder davon...
Spirituelle Erdung, Südburgenland-Edition.
Danach kam ein Schlammwatweg im Zickenbach, und spätestens jetzt war unsere Siebenjährige restlos überzeugt, dass ihre Weigerung, auf irgendeine Burg zu fahren, die beste Entscheidung dieses Tages gewesen war.
Mein persönliches Highlight war eine Station, an der man selbst mehrere Meter tief in das Moor bohren und einen Bohrkern heraufholen kann. Meter für Meter hinein in die Erde.
Und dann hält man plötzlich Material in den Händen, das aus einer Welt kommt, die lange vor unserer eigenen Geschichte existierte. Einfach total krass.. ich war total ehrfürchtig und geflashed.. Schicht um Schicht hat sich dort Zeit abgelagert.
Das Moor speichert Geschichte. Und während ich dort stand, dachte ich wieder: 13.000 Jahre. Was sind dagegen unsere kleinen Zeitrechnungen?
Ein Jahr seit dem Einzug. Ein paar Wochen, in denen sich das Leben verändert. Ein Tag, der anders verläuft als geplant. Ein Augenblick, in dem wir glauben zu wissen, wohin wir unterwegs sind.
Vermutlich lag genau darin schon die erste Geschichte dieses Tages. Doch die zweite wartete auf dem Parkplatz. (Seufz)
Bereits auf der Hinfahrt hatte unser nagelneues Elektroauto eine Meldung ausgespuckt.
Irgendetwas mit Luftverlust in einem Reifen. Man kennt das. Ein hypermodernes Auto spricht schließlich ständig mit einem, auch wenn du nur rückwärts aus der Einfahrt fährst, piepst es 325 Mal :-(
Und manchmal entwickelt man als Mensch bzw als Frau :-) eine gewisse Gelassenheit gegenüber einem Fahrzeug, das einem mitteilen möchte, was es gerade alles über sich selbst herausgefunden hat.
Wir waren außerdem beinahe da. Also im Moor, bei den Mammuts, im Schlamm.
13.000 Jahre.
Nach diesem wunderbaren Ausflug hatte ich plötzlich unglaubliche Lust auf ein Bier.
Auf ein ganz bestimmtes sogar. Ein regionales Bier, das hier bei uns gebraut wird. Eiskalt muss es sein, genau das wollte ich jetzt.
Wir fuhren also los. Und beim Beschleunigen hörte ich ein doofes Geräusch. Ein Geräusch aus jener Kategorie, bei der der Körper schon reagiert, während der Verstand noch versucht, sich einzureden, dass Autos manchmal eben Geräusche machen.
„Bleib stehen.“ Mein Mann hielt an. Wir schauten nach. Wir fuhren bereits auf der Felge. (Wieder seufz) So viel zur intelligenten Kommunikation zwischen Mensch und Elektroauto.
Zum Glück befand sich wenige hundert Meter weiter eine Tankstelle. Also vorsichtig hin, Luft in den Reifen und erst einmal schauen.
Das Ergebnis war überschaubar erfreulich. Während wir Erwachsenen noch prüften und überlegten, beugte sich unsere siebenjährige technische Sachverständige zum Reifen und stellte trocken fest:
„Schau, da bläst Luft raus, Papa.“
Danke. Diagnose abgeschlossen. Das sichtbare Loch saß ganz am Rand. Groß leider.
Der Reifen war hinüber, grad mal 2 Monate alt.. (noch mehr seufz?) Wir füllten ihn noch einmal auf und schafften die wenigen Kilometer nach Hause. Dort wurde das Auto sicherheitshalber aufgebockt und ein Eisenteil aus dem Reifen gezogen.
Endgültiges Ergebnis:
Ein nagelneues Elektroauto, mit einem kaputten Reifen. Und ich immer noch ohne Bier. An diesem Punkt hätte ein vernünftiger Mensch vermutlich beschlossen, dass der Tag genug Programm geboten hatte.
Ich wollte mein Bier. Also stieg ich in mein kleines altes rotes Auto. Dieses Auto besitzt deutlich weniger Möglichkeiten, mit mir zu kommunizieren als unser neues Elektroauto, brachte mich dafür an diesem frühen Nachmittag zuverlässig meiner Mission näher. Zum Supermarkt.
Dort gab es Bier. Natürlich, eine Riesenauswahl... Bloß genau meines gab es dort in der gewünschten Variante nicht. ABER jetzt war ich bereits zu weit gekommen. Ich war in einem 13.000 Jahre alten Moor bis zu den Knien versunken. Ich hatte einen Bohrkern aus der Erdgeschichte gezogen.Wir sind auf einer Felge heimgefahren. Wir haben gemeinsam mit einer Siebenjährigen einen Reifenschaden diagnostiziert.
Ich will jetzt dieses Bier bekommen. Also fuhr ich weiter. Und irgendwann stand es vor mir.Mein regionales Bier, sogar gekühlt. Ich nahm es mit nach Hause, wir setzen uns hin und trank den ersten Schluck. Und ja. Es ist besonders lecker.
Vielleicht auch deshalb, weil manche Dinge besser schmecken, wenn eine kleine Odyssee davorliegt:-) Erst zu Hause jetzt am Abend wurde mir bewusst, welche Geschichte dieser Tag eigentlich noch erzählt hatte.
Wir wollten ursprünglich nach Riegersburg fahren. Ok, ich wollte :-) Eine deutlich weitere Strecke. Mit genau diesem Reifen. Wir wussten am Morgen noch gar nicht, was darin steckte. Unsere Tochter wollte aber partout nicht mit. Von wegen Höhenangst, keine Lust, kindlicher Unwille.
Also änderten wir unseren Plan und fuhren stattdessen gerade einmal zehn Minuten von zu Hause ins Moor. Dort verbrachten wir einen wunderschönen Vormittag. Und als der Reifen endgültig seine Luft verlor, waren wir nur wenige Kilometer von unserem Zuhause entfernt.
Plötzlich sieht die morgendliche Diskussion mit unserer Tochter völlig anders aus. Was am Vormittag wie ein durchkreuzter Plan ausgesehen hatte, fühlt sich jetzt am Abend wie eine ziemlich glückliche Fügung an.
Und genau DAS fasziniert mich am Leben immer wieder:
Wir leben es vorwärts und verstehen es rückwärts.
Während etwas geschieht, sehen wir immer nur diese eine Schicht. Wie beim Moor, wir sehen nur die vertrocknete Oberfläche. Erst wenn wir viel tiefer gehen, tauchen andere Schichten auf.
JA, manchmal braucht es dafür 13.000 Jahre. Aber manchmal reichen ein paar Stunden.
Am Morgen dachte ich noch leicht sauer: Schade, dann eben keine Greifvogelschau.
Jetzt denke ich: Wie gut, dass dieses Kind heute seinen eigenen Kopf hatte. Das Leben führt uns viel öfter über solche kleinen Umwege. Über ein „Ich will da nicht hin“. Über einen Plan, der sich verändert. Über eine Abzweigung, die wir selbst anders gewählt hätten.
Und irgendwann sitzen wir da, schauen rückwärts auf die Ereignisse und erkennen plötzlich einen Zusammenhang, den wir vorher unmöglich sehen konnten.
Ich mag solche Tage.
Tage, an denen das Leben keinerlei große Inszenierung braucht. Mein Mann im Urlaub, unsere siebenjährige Tochter, ein Reiseführer, der seit dem letzten Jahr im Bücherregal herumliegt. Ein Moor zehn Minuten vor der Haustür, Schlamm bis zu den Knien, ein Stück Eisen im Reifen, ein kleines altes rotes Auto. Und ein kaltes Bier.
Für mich besteht ein reiches Leben genau aus solchen Geschichten. Aus Momenten, die beim Erleben vollkommen gewöhnlich wirken und sich ein paar Stunden später als kleine Geschenke entpuppen.
Und während draußen unser nagelneues Elektroauto mit einem kaputten Reifen auf seine weitere Bestimmung wartet, sitze ich da mit meinem Zickentaler Hausbier und denke:
13.000 Jahre.
Mammuts kamen und gingen.
Menschen kamen und gingen.
Pläne kamen und gingen.
Und irgendwo dazwischen sind wir.
Für diesen winzigen Augenblick.
Mit Schlamm an den Beinen, einem Kind mit erstaunlich gutem Gespür für die richtige Richtung und einem ziemlich guten Bier in der Hand.
Das Leben ist schön. Punkt.











