Das Leben ist eine Abfolge von Jetzt-Momenten

22. Juni 2026

Eine Liebeserklärung an meine alte Dame

Als ich meine erste Hündin Olivia Ahyoka (= die Friedvolle die Fröhlichkeit brachte) bekam, war mein erster Mann erst wenige Wochen begraben.


Ich hatte noch nie zuvor einen Hund gehabt. Und dann gleich einen Briard, also einen großen Hund. Einen Hund mit ganz viiiieeeeel Persönlichkeit, mit eigenen Ideen in seinem hübschen Köpfchen. Und mit Fell, ja sehr viel Fell.


Natürlich war es anfangs wunderschön, diesen kleinen kuscheligen Welpen im Haus zu haben. Bis Olivia begann, sich selbst zu beschäftigen und dabei allerlei Unsinn anstellte. Schnell wuchs sie zu einem Teenager auf 4 Pfoten heran, der Erziehung, Führung und eine tiefe Bindung brauchte.


Ziemlich rasch holte ich mir professionelle Unterstützung. Denn ein so großer Hund, der nicht hört, ist eine potentielle Waffe an einer Leine und für niemanden eine Freude. Also lernten wir gemeinsam. Livi und ich. Wir wuchsen zusammen und lernten einander zu vertrauen. Gemeinsam gingen wir durch dick und dünn. Wir machten Prüfungen, besuchten Turniere und gewannen Pokale. Wir überstanden Krankheiten und Verletzungen und hohe Tierarztrechnungen.

Und bis heute weiß ich manchmal nicht, wer beim Tierarzt mehr Angst hat. Sie oder ich?


Wie oft habe ich mir damals gedacht: wenn sie einmal älter ist, wird sie ruhiger. Mein wuscheliger Wirbelwind. Meine geliebte Rakete mit Fell. Vor ihr war weder Reh noch Katze sicher. Ich lernte, weiße Pudel auf mehrere hundert Meter Entfernung zu erspähen, um rechtzeitig die Straßenseite zu wechseln oder gleich umzudrehen. Weiße Pudel sind in ihrer Welt eine Kategorie für sich:-)


Damals wartete ich oft auf den nächsten Abschnitt. Auf mehr Ruhe. Auf mehr Gelassenheit.

Auf dann wenn sie älter ist.


Heute liegt sie neben mir. Zwölf Jahre sind vergangen wie im Flug. Eine Omi ist sie nun, die schon schlecht sieht und nicht mehr gut hören (mag) und zur Sicherheit mal jeden anbellt, der ihre schmerzende Arthrose verschlimmern könnte...


Nach ihrem langen Vormittagsschläfchen hält sie gerade ihren wohlverdienten Mittagsschlaf neben mir am kühlen Boden auf der schattigen Terrasse.  Jeden Morgen wälzt sie sich noch immer im nassen Gras unserer inzwischen recht kurzen Gassirunde. Sie grinst dabei regelrecht. Als würde sie dem Leben zurufen: "Ich bin noch da."


Sie ist noch nicht bereit zu gehen. Und ich auch nicht. Doch ich weiß, dass dieser Tag kommen wird. Und oft frage ich mich:


Hast du jeden Augenblick mit ihr genossen?

Hast du ihn tief genug in dein Herz aufgenommen für jene Tage, an denen sie nicht mehr neben dir liegen wird?

Und die Antwort lautet: JA!


Nicht perfekt, und nicht jeden einzelnen Tag. Doch ja. Ich habe ihre Freude täglich gesehen.

Ihre Verrücktheit, ihre Loyalität und ihre ewig währende bedingungslose Treue. Ihre liebenswerten (und anstrengenden) Eigenheiten. Ihre Liebe.


Genau jetzt liegt sie links von mir auf dem kühlen Boden und schläft mit heraushängender Zunge tief und fest. Rechts von mir schnarcht laut Tamira. Sie ist jung, und tief schwarz. Ein Briard und ein durchgeknallter Wirbelwind.


Und auch bei ihr denke ich manchmal heimlich:

Wann wird sie ruhiger? Wann wird sie vernünftiger? Wann wird sie erwachsen? Und dann halte ich inne. Weil ich heute etwas weiß, das ich früher noch nicht wusste.


Der Tag wird schneller kommen, als mir lieb ist. Und plötzlich wird auch sie eine alte Dame sein. Dann werde ich mich nach genau diesen wilden Tagen sehnen. Nach den schmutzigen Pfoten im Vorhaus, nach der überschäumenden Energie, wenn sie mit ihren tausend Spielsachen dahergelaufen kommt. Nach dem Unsinn der ihr täglich einfällt. Nach dem Leben.


Wir Menschen wir machen das ständig. Wir warten auf den nächsten Abschnitt.


Auf die Ferien.

Auf das Wochenende.

Auf mehr Geld.

Auf weniger Stress.

Auf die Zeit, wenn die Kinder größer sind.

Auf die Pension.

Auf irgendwann..... dann.. mal..


Dabei findet das Leben genau jetzt statt.


Nicht morgen und nicht später. Und auch nicht nach dem nächsten Meilenstein.

Sondern genau hier und jetzt.


In einer schlafenden Hündin mit heraushängender Zunge. Im feuchten Gras eines warmen Sommermorgens. In einer kurzen Gassirunde durch den noch kühlen Wald.


In einem Moment, der so gewöhnlich erscheint, dass wir ihn beinahe übersehen.


Das Leben ist eine Abfolge von Jetzt-Momenten.


Und irgendwann erkennen wir, dass genau diese Jetzt-Momente unser Leben waren.


Das Leben ist schön. Punkt.

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