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14. Oktober 2026
Gestern hat meine Tochter Julia ihre Führerscheinprüfung bestanden, nachdem sie erst einmal verschlafen hatte und der Tag damit schon vor der eigentlichen Prüfung seine ganz eigene Geschichte bekommen hatte. So ein Tag, von dem wir später noch ihren Kindern erzählen werden, mit all seiner Aufregung, dem Durchatmen am Ende und der Freude darüber, dass letztendlich doch alles gut ausgegangen ist. Ich habe mich mit ihr gefreut, über die bestandene Prüfung und über das neue Stück Freiheit, das jetzt vor ihr liegt. Und mitten in dieser Freude habe ich Oma vermisst, weil sie zu den Menschen gehört hat, mit denen wir solche Momente immer sofort geteilt haben. Ich hätte ihr so gerne davon erzählt, vom Verschlafen, von der Aufregung und vom glücklichen Ausgang dieser Geschichte. Sie hätte mit uns gefeiert und wäre mit ihrer Stimme, ihren Worten und ihrer Anteilnahme Teil dieses Tages gewesen. Genau dort begegnet mir gerade meine Trauer, mitten im Leben und in einem Moment voller Freude. Oma ist vor 3 Tagen gestorben, und ich beginne erst zu begreifen, wie viele kleine Wege in meinem Alltag zu ihr führen. Ich erlebe etwas und möchte es ihr erzählen, etwas beschäftigt mich und mein erster Impuls ist, sie anzurufen. Mein Inneres kennt diesen Weg zu ihr so gut, während ich mich erst langsam mit der veränderten Wirklichkeit vertraut mache. So begegnet mir der Abschied immer wieder neu, in kleinen Situationen, die von außen ganz gewöhnlich aussehen und für mich plötzlich eine große Bedeutung bekommen. Ich vermisse ihre Sprachnachrichten in unserer Familiengruppe, diese Nachrichten, wo wir nur den Fernseher laufen hörten... Ich vermisse ihre Stimme und darin dieses vertraute Gefühl, dass sie Anteil nimmt, dass sie dazugehört und dass wir miteinander verbunden sind. Zwischen Bildern, Neuigkeiten und den Geschichten unseres Familienlebens hatte sie ihren selbstverständlichen Platz. Ihre lustigen Nachrichten waren ein Stück Oma in unserem Tag, eine kleine Begegnung zwischen all den Dingen, mit denen wir gerade beschäftigt waren. Jetzt spüre ich, wie viel Nähe darin gewohnt hat und wie kostbar diese scheinbar unscheinbaren Zeichen eines Menschen sind. Eine Nachricht am Handy, eine Nachricht in der Familiengruppe und die Möglichkeit, jemandem zu erzählen, was gerade geschehen ist, können über viele Jahre zu einem inneren Zuhause werden. Als ich versucht habe, Worte dafür zu finden, was mir an Oma fehlt, kam dieser Satz: Sie war einfach da. In diesem Dasein lag für mich sehr viel, weil ich mich an sie wenden konnte, weil meine Geschichten einen vertrauten Platz hatten und weil ich beim Erzählen etwas von dem ablegen durfte, was mich beschäftigte. Ich vermisse die Möglichkeit, sie anzurufen und mich zu entlasten, mich mit meinem Erleben für eine Weile an einen vertrauten Menschen anzulehnen. Schon die Gewissheit, dass ich sie anrufen konnte, war ein Stück Halt in meinem Leben. Heute wird mir bewusst, wie viel dieses schlichte Dasein getragen hat. Wenn ein Mensch stirbt, trauern wir auch um die besondere Form von Beziehung, die wir mit ihm gelebt haben, um unsere Gewohnheiten miteinander und um den Platz, den wir bei ihm hatten. Ein Mensch kennt unsere Geschichte, hat unsere Entwicklungen miterlebt und weiß, wer zu unserem Leben gehört. Im Gespräch können wir an etwas anknüpfen, das über viele Jahre gewachsen ist, und in dieser Vertrautheit liegt eine besondere Geborgenheit. Mit Omas Tod spüre ich auch meine eigenen Bedürfnisse deutlicher, die Sehnsucht nach Zuhören, nach Anteilnahme und nach einem Menschen, bei dem ich mit meinem Tag ankommen darf. Auch dieser Teil meiner Trauer verdient Zuwendung, weil er davon erzählt, was unsere Verbindung für mich bedeutet hat. Ich vermisse sie als Menschen, und ich vermisse das, was zwischen uns möglich war. Ich vermisse ihre Stimme und zugleich das Gefühl, ihr etwas erzählen zu können, das mich gerade bewegt. Gerade in diesen kleinen Bedürfnissen wird die Größe einer Beziehung sichtbar, weil sie so tief in unser alltägliches Leben hineinreicht. In diesen Tagen beschäftigt mich, was es bedeutet, Trauer zuzulassen und zu verkörpern, sie also mit meinem ganzen Menschsein erfahren zu dürfen. Ich kann begreifen, dass Oma gestorben ist, und zugleich erst beim nächsten Griff zum Telefon spüren, was dieser Abschied in meinem Alltag verändert. Mein Verstehen und mein Empfinden finden dabei ihren eigenen Rhythmus, während mich immer wieder eine Situation an einer neuen Stelle berührt. Da ist eine Geschichte, die ich erzählen möchte, eine Freude, die ich teilen will, oder ein schwerer Moment, in dem mir ein Gespräch guttun würde. In solchen Augenblicken wird aus dem Wissen um ihren Tod ein sehr persönliches Vermissen. Mein Körper gehört zu diesen Tagen dazu, mit allem, was sich gerade zeigt. Ich habe Kopfweh und Kreuzweh, und ich möchte aufmerksam damit umgehen, welche Zuwendung diese Beschwerden brauchen und was mir guttut. Für mich bedeutet verkörperte Trauer, auch diesen Teil meines Erlebens ernst zu nehmen und mich als ganzen Menschen wahrzunehmen. Ich möchte spüren dürfen, wann ich Ruhe brauche, wann mir Bewegung guttut und wann ich mir wünsche, dass jemand neben mir sitzt. Wenn Tränen kommen, dürfen sie fließen, und wenn mir die Worte fehlen, darf auch das einen Moment lang so sein. Ich darf erzählen, stocken, nachspüren und meinem Erleben Zeit geben. Dieses Zulassen ist für mich etwas sehr Konkretes, weil es sich darin zeigt, wie ich heute mit mir umgehe. Zum Trauern gehört für mich auch das Brotbacken, das mich seit vielen Jahren durch mein Leben begleitet. Ich stehe in meiner Küche, wiege Mehl ab, gebe Wasser dazu und beginne, den Teig zu kneten. Meine Hände finden in eine vertraute Tätigkeit, während in mir Gedanken und Erinnerungen auftauchen dürfen. Ich spüre die Beschaffenheit des Teiges und seine Veränderung unter meinen Händen. Meine Aufmerksamkeit ist bei etwas Greifbarem, während mein Herz mit dem Abschied beschäftigt ist. Genau darin liegt für mich etwas Wohltuendes, weil ich mit meinem Körper anwesend bin und zugleich Raum für das habe, was mich innerlich bewegt. Ich darf an Oma denken, sie vermissen und meine Hände weiterarbeiten lassen. Meine Trauer bekommt einen Platz mitten in meiner Küche, zwischen Mehl, Wasser und den vertrauten Handgriffen eines gewöhnlichen Tages. Beim Brotbacken tue ich etwas, das mich seit Langem begleitet, und diese Vertrautheit trägt mich durch einen Moment, in dem sich so vieles verändert hat. Meine Hände wissen, was zu tun ist, während ich selbst erst herausfinde, wie mein Alltag mit diesem Abschied aussieht. Gleichzeitig lasse ich etwas entstehen, das mich und meine Familie nährt. Ich sorge für das Leben, das hier ist, während ich einen Menschen betrauere, der so eng zu unserem Leben gehört hat. Wenn der Teig geht, hat auch mein Tag seinen weiteren Lauf, mit Aufgaben, Gedanken und Erinnerungen. Später zieht der Duft des Brotes durch das Haus, und ich hole etwas Warmes aus dem Ofen, das ich auf unseren Tisch stellen kann. Auch das ist für mich Trauer, mit den Händen im Teig, mit der Sehnsucht im Herzen und mit der Fürsorge für die Menschen, die mit mir am Tisch sitzen. Ich darf traurig sein und etwas Schönes schaffen, darf mich um andere kümmern und selbst Zuwendung brauchen. In meinem Alltag darf all das nebeneinander bestehen und auf seine Weise Ausdruck finden. Julias Führerscheinprüfung hat mir gestern besonders deutlich gezeigt, wie eng Freude und Trauer beieinanderliegen können. Da ist meine Tochter, die etwas geschafft hat und sich darüber freuen darf, und da ist meine Sehnsucht nach Oma, mit der wir dieses Glück so gerne geteilt hätten. Beide Gefühle gehören zu diesem Tag, und beide sind mit Liebe verbunden. Ich möchte mir erlauben, mich ganz über Julia zu freuen und zugleich auszusprechen, wie sehr Oma gerade fehlt. Wir dürfen lachen, während wir trauern, und wir dürfen mitten in einem glücklichen Moment Tränen in den Augen haben. Unser Herz kann sich über etwas freuen und gleichzeitig nach einem vertrauten Menschen sehnen. Auch unsere Erinnerungen tragen diese Vielfalt in sich, wenn wir Geschichten erzählen, eine Eigenheit wieder vor uns sehen und gemeinsam darüber schmunzeln. Wir erinnern uns an Worte, Gewohnheiten und kleine Begebenheiten, die einen Menschen für uns so unverwechselbar gemacht haben. Dabei kann aus einem Lächeln ein herzliches Lachen werden und kurz darauf eine Träne über die Wange laufen. Für mich gehört beides zur Liebe, die durch den Abschied eine neue Ausdrucksform sucht. Ich möchte diesen Bewegungen meines Herzens vertrauen und ihnen erlauben, sichtbar zu werden. Ein schöner Tag darf einen schmerzlichen Moment enthalten, und ein schwerer Tag darf von Freude berührt werden. Wir dürfen feiern und dabei sagen, wie gerne wir diesen Menschen jetzt bei uns hätten. Ich wünsche mir, dass wir mit unserer Trauer unter Menschen gehen dürfen und dass unser tatsächliches Erleben in Begegnungen Platz findet. Dass auf die Frage, wie es uns geht, eine ehrliche Antwort folgen darf, die Zeit braucht. Dass beim gemeinsamen Essen eine Erinnerung ausgesprochen werden kann und die anderen für einen Augenblick bei ihr bleiben. Wir tragen unsere Abschiede mit in den Alltag, zur Arbeit, zum Einkaufen und an den Küchentisch. Hinter einem vertrauten Gesicht kann große Sehnsucht wohnen, auch wenn dieser Mensch gerade gelacht und von etwas Schönem erzählt hat. Deshalb wünsche ich mir Räume, in denen wir mit dieser ganzen Vielfalt willkommen sind und in denen ein Satz wie „Ich vermisse sie gerade so sehr“ einfach da sein darf. Manchmal möchte ich eine Erinnerung teilen, manchmal erzählen, was mich beschäftigt, und manchmal tut schon die Nähe eines anderen Menschen gut. Ein zugewandtes Zuhören, eine Hand auf dem Arm oder eine Umarmung können viel bedeuten, weil sie uns spüren lassen, dass wir mit unserem Erleben einen Platz haben. Gerade durch Omas Tod wird mir noch deutlicher, wie wertvoll dieses schlichte Dasein ist, das wir einander schenken können. Ein Mensch hört zu, bleibt bei uns und lässt uns Zeit, während wir Worte suchen oder weinen. Dieses Dasein hat für mich etwas zutiefst Tröstliches, weil ich gerade so schmerzlich erfahre, wie viel es bedeuten kann. Wenn ich meiner Trauer Raum gebe, möchte ich zugleich fürsorglich mit mir umgehen und darauf achten, was mich gerade trägt. Es gibt Augenblicke, in denen ich mich einer Erinnerung zuwenden möchte, und andere, in denen mir eine vertraute Tätigkeit guttut. Manchmal brauche ich ein Gespräch, manchmal Bewegung und manchmal die Wärme meiner Küche. Ich darf mich fragen, ob ich gerade Gesellschaft möchte, ob mir Ruhe guttun würde und wem ich erzählen mag, was mich bewegt. Dabei gehört für mich auch dazu, meine Bedürfnisse auszusprechen und anderen die Möglichkeit zu geben, für mich da zu sein. Ich darf um eine Umarmung bitten oder sagen, dass mir ein Tag gerade viel abverlangt. Gerade wenn wir es gewohnt sind, für andere zu sorgen, kann darin etwas sehr Berührendes liegen, die eigene Sehnsucht nach Halt ernst zu nehmen und sich selbst dieselbe Zuwendung zu wünschen, die wir anderen schenken. Auch ich darf mit meiner Trauer bei einem Menschen ankommen und mich für eine Weile anlehnen. Für mich gehört diese Erfahrung zu einer Spiritualität, die mitten im Leben ihren Platz hat, in meinem Körper, meinen Beziehungen und den alltäglichen Dingen, die ich tue. Ich kann eine innere Verbundenheit mit Oma empfinden und zugleich ihre Stimme vermissen. Ich kann dankbar sein für unsere gemeinsame Zeit und mir wünschen, ihr noch einmal von Julia erzählen zu können. Mein Herz trägt die Beziehung weiter, während ich in meinem Alltag immer wieder ihrem Fehlen begegne. Beides gehört zu meinem Erleben, die empfundene Nähe und die schmerzliche Sehnsucht. Ich möchte auch meinem menschlichen Bedürfnis nach ihrer Stimme, ihrer Antwort und ihrer Anteilnahme mit Zärtlichkeit begegnen. Für mich zeigt sich Spiritualität gerade darin, bei meinem tatsächlichen Empfinden zu bleiben und ihm Würde zu geben. Meine Tränen dürfen genauso dazugehören wie ein stiller Moment des Friedens oder die Freude über etwas Schönes. Sie zeigt sich im Zuhören und im Annehmen von Nähe, beim Kneten eines Brotteiges und in der Fürsorge, mit der ich meinem Körper begegne. So bekommt Verbundenheit für mich einen ganz konkreten Ausdruck, durch meine Hände, meine Worte und die Art, wie ich mit mir und anderen umgehe. Was ich mit diesen Zeilen weitergeben möchte, ist die Erlaubnis, der eigenen Trauer Raum zu geben und sich mit ihr zeigen zu dürfen. Du darfst weinen, weil dir eine Stimme fehlt, und lachen, weil eine Erinnerung so voller Leben ist. Du darfst einen glücklichen Moment genießen und zugleich die Sehnsucht nach einem Menschen spüren, mit dem du ihn gerne teilen würdest. Du darfst erzählen, um Nähe bitten und dir Zeit geben für das, was dieser Abschied in dir bewegt. Deine Trauer darf beim Brotbacken auftauchen, beim Autofahren, mitten in einem Gespräch oder beim Feiern einer bestandenen Prüfung. Sie darf Teil deines Lebens sein, während du deinen ganz eigenen Weg mit ihr findest. Für mich zeigt sie sich gerade in Omas Sprachnachrichten, die ich vermisse, im Wunsch nach einem entlastenden Telefonat und in den vielen kleinen Geschichten, die ich ihr so gerne erzählen würde. Sie war einfach da, und ich lerne gerade, wie viel in diesen Worten liegt. Heute darf meine Trauer zu meinem Tag gehören, während ich Brot backe, mich über meine Tochter freue und mich an Oma erinnere. Ich darf mit meinem ganzen Herzen daran teilnehmen, mit meiner Liebe, meinen Tränen und dem Lachen, das weiterhin seinen Weg zu mir findet. So bekommt auch mein vertrauter Satz in diesen Tagen eine besondere Tiefe, weil er meine Freude ebenso mittragen darf wie meine Sehnsucht und meinen Abschied. Das Leben ist schön. Punkt.