Schokonikoläuse im Ausverkauf

5. Januar 2026

Warum Zucker mehr über unsere Gesellschaft erzählt, als uns lieb ist

Dieser Beitrag ist aus einem Moment entstanden. Die Idee kam von Ali, der mit seinem Schokonikolaus in der Hand mehr ausgelöst hat, als ihm wahrscheinlich bewusst war. Danke Ali für diesen Impuls,  manchmal braucht es genau das, um größere Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Jetzt nach Weihnachten liegen sie wieder da. In Rabattkörben vor den Kassen. Schokonikoläuse im Ausverkauf. Eingedrückte Bäuche, zerknitterte Folien mit 50% Pickerl verziert. Sofort griffbereit, für die süßen SchnäppchenjägerInnen. Und dieses Jahr spüre ich beim Zahlen an der Kasse: das hier ist viel mehr als ein harmloser Restposten. Das ist ein Bild. Eines, das ziemlich viel über uns erzählt.

Zucker ist längst kein Genussmittel mehr. Zucker hält bei uns vieles kurzfristig im Gleichgewicht. Gegen Stress, bei Überforderung, für innere Leere, für dieses diffuse Gefühl von „Ich kann grad nimmer“ oder "das hab ich mir aber jetzt wirklich verdient". Wir essen süßen Schoki selten, weil wir ihn wirklich schmecken wollen. Seien wir ehrlich, du brauchst ein ganzes Glas Wasser um das klebrige Zeug vom Gaumen zu kriegen. Wir essen ihn, weil er schnell wirkt, kurz Ruhe und Belohnung verspricht. Dieser kleine "For me"- Moment von Erleichterung in deinem Alltag, der kaum Pausen kennt. Genau das macht Zucker so wirksam und genau das macht ihn so gefährlich.

Wir leben in einer Gesellschaft, die permanent Leistung von uns einfordert. Wir funktionieren, halten durch und passen uns an. Zucker hält dieses System erstaunlich zuverlässig am Laufen. Er dämpft, wenn es zu viel wird. Er pusht, wenn uns die Kraft ausgeht oder die Energie fehlt. Er tröstet uns, wo eigentlich Raum, Zeit oder echte Zuwendung gebraucht würde. Ein reguliertes Nervensystem beginnt zu fragen. Ein überreiztes greift nach dem Nächstbesten, das schnell hilft. Das ist kein Zufall, es ist bequem. Und es hält Menschen lenkbar. 

Der Nikolaus steht ursprünglich für Fürsorge, für Schutz, für Wärme, für ein "sich Gesehen fühlen". Und wir machen ihn zu klebriger Zuckermasse, zu Massenware. Zu einem Trostpflaster, das kurz beruhigt und eigentlich nichts verändert. Vermutlich, weil wir verlernt haben, uns selbst zu nähren. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Ziemlich sicher, weil echte Regulation anstrengender ist als ein schneller Griff ins Regal.

Wenn ich von zuckerfrei rede, meine ich deshalb kein Ernährungskonzept. Es geht mir weder um Disziplin noch um Verzicht (he ich bin ein inkonsequentes Blumenauge), und ganz sicher nicht um moralische Überlegenheit. Zuckerfrei bedeutet für mich ehrliches Hinschauen. Das kann echt unbequem sein. Wann greife ich zu Süßem? Was fehlt mir in diesem Moment wirklich? Wo reguliere ich mich im Außen, statt im Kontakt mit mir selbst zu bleiben? Diese Fragen gehen tiefer als jede Zutatenliste. Und genau deshalb wirken sie.

Mein Zuckerfrei-Raum ist aus dieser Beobachtung entstanden. Zucker ist nicht „böse“, aber ich sehe, was er mit mir und anderen macht. Mit unserem Nervensystem,  unserer Selbstwahrnehmung und unserer Fähigkeit, uns selbst zu spüren. In meinem Raum geht es um Entlastung, um Regulation und um das Wiederfinden deines inneren Gleichgewichts. Mir geht es um echte Alternativen ohne künstliche Ersatzstoffe und bitte ohne neue Abhängigkeiten. Die Pflanzenwesen begleiten uns, unterstützen diesen Prozess auf Körper-, Geist- und Seelenebene.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die Schokonikoläuse liegen zu lassen in vollem Bewusstsein ohne Verzichtsgedanken. Mein Zuckerfrei-Raum öffnet am 20. Jänner. Für alle, die tiefer verstehen wollen, was Zucker wirklich mit uns macht.

Das Leben ist schön. Punkt. (Auch ohne Ausverkauf.)

Tanja · Naeli
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