Die Kunst ein unperfektes Leben zu lieben
Warum ich trotzdem sage: Das Leben ist schön. Punkt.

Manchmal schreiben mir Frauen via Social Media oder sprechen mich nach einem Vortrag an und fragen: „Tanja, wie kannst du das eigentlich sagen?“ Das Leben ist schön. Punkt.
Wirklich? Nach allem, was dir schon passiert ist?
Und ganz ehrlich? Ich verstehe die Frage. Ja ich würde wohl auch nachfragen. Denn wenn man nur die Schlagzeilen meines Lebens aufschreiben würde, dann käme da schon einiges zusammen.
Und ohne jetzt ins Detail zu gehen, weil das meiste findest du auf meiner About Me Seite,
habe ich Sorgen gehabt, die groß genug waren, um ein ganzes Zimmer auszufüllen.
Und trotzdem sage ich heute voller Überzeugung: Das Leben ist schön. Punkt.
Gerade weil nicht alles leicht war. Gerade weil nicht alles nach Plan gelaufen ist.
Sondern weil ich irgendwann verstanden habe, dass die Schönheit des Lebens selten dort wohnt, wo wir sie vermuten. Sie wohnt selten in den perfekten Momenten. Sie wohnt in den echten.
Früher dachte ich, Glück sei ein Zustand, am besten ein Dauerzustand. Etwas, das man irgendwann erreicht. Wenn die Kinder größer sind, und wenn genug Geld am Konto ist.
Wenn alle gesund sind, wenn alle Alltagssorgen verschwunden sind. Wenn endlich Ruhe einkehrt.
Heute fühle ich etwas anderes.
Heute erlebe ich, dass das Glück oft mitten im Chaos sitzt (und davon hab ich definitiv genug) und darauf wartet, von mir entdeckt zu werden.
Wie der Klatschmohn auf den riesigen Getreidefeldern hier im Südburgenland. Still. Unscheinbar. Und wunderschön
Wenn ich heute in unserem Hof sitze, sehe ich meine jungen Rosen das erste Mal blühen.
Ich höre unsere 2 Hähne die ihre Hühnerschar bezirzen. Ich spüre die Hunde, die sich um mich wuseln, sobald ich auch nur einen Fuß vor die Haustür setze. Und in der Küche steht dieser blaue Ofen. Der Ofen, von dem ich vor einigen Jahren geträumt habe.
Damals wusste ich noch gar nicht, warum er mich so gerufen hat.
Heute glaube ich es zu spüren. Er war nie nur ein Ofen. Er war ein Versprechen.
Ein Symbol dafür, dass manches im Leben längst unterwegs ist, bevor wir es verstehen.
Wenn ich in der Küche stehe und Brot und Kuchen backe, denke ich oft an meine Oma Elfriede. Eine unglaublich kluge Frau, die dieses Leben viel zu früh verlassen hat.
Sie war Mama von 3 Kindern, Hauptverdienerin der Familie. Und trotzdem gab es Rosen vor dem Haus und Gemüse im Garten. Ich erinnere mich an die eingekochte Vorräte im Keller und hab den Duft von ihrem Ribiselschaumkuchen noch in der Nase.
Sie hat so viel getragen, wie so viele Frauen vor ihr. Wie so viele Frauen auch heute noch schwer tragen. Und wenn ich heute meine Hände in einem klebrigen Brotteig versenke, habe ich oft das heimliche Gefühl, dass all diese Frauen ein kleines Stück mitbacken.
Kann es sein, dass die Kunst des Lebens gar nicht darin besteht, Brüche zu vermeiden?
Besteht sie nicht eher darin, diese Brüche liebevoll in die eigene Geschichte einzubauen?
So wie die Narben in einem alten Holztisch. Sie erzählen davon, dass hier gelebt wurde, geliebt und gearbeitet. An ihm sind Menschen zusammengekommen.
Ja ich habe geliebt. Und ich habe verloren. Ich habe Abschied genommen. Mehrmals.
Und neu begonnen. Ich habe einige Häuser verlassen um meine Heimat zu finden.
Ich habe vier Töchter großgezogen. Und es war selten alles rosig und leicht.
Ich habe flauschige Vierbeiner in mein Herz geschlossen und musste manche von ihnen viel zu früh begraben.
Aber ich habe mein Herz immer wieder aufgemacht für neue Seelen. Denn ein Leben ohne Tiere fühlt sich sehr leer an für mich.
Ich habe Wege beschritten, von denen mein junges Ich niemals gedacht hätte, dass ich sie einmal gehen würde. Und jedes einzelne Mal dachte ich: So hast du dir das aber nicht vorgestellt!
Heute denke ich: Zum Glück. Denn vieles von dem, was mein Leben am Schönsten gemacht hat, stand niemals auf meiner Wunschliste.
Mittlerweile bin ich davon überzeugt, Glück besteht gar nicht darin, dem Schmerz auszuweichen. Glück besteht darin, nach einem Regenguss wieder die Sonne auf der Haut zu spüren. Zu fühlen, dass das gebrochene Herz immer noch schlägt. Dass man immer noch lachen kann. Dass plötzlich wieder etwas blüht. Egal ob im Garten oder in einem selbst.
Wir schreiben den 10. Juni 2026 und ich sitze bei Sonnenschein im Hofgarten mitten im Südburgenland. Zwischen Rosen, Hühnern, Hunden und einem blauen Ofen und meinen Laptop auf den Füßen.
Abends schreibe ich gerne an unserem Holztisch in der Küche, an dem schon viel gelacht, geweint, diskutiert, geplant und frisch gebackenes Brot gegessen wurde.
Wenn ich auf die letzten bald 46 Jahre zurückschau, dann würde ich keine einzige Erfahrung verschenken wollen. Ja, nicht jede Erfahrung war schön. Aber jede Erfahrung hat mich hierher geführt. Zu diesem Hof. Zu diesem Leben. Hat mich genau zu dieser Frau werden lassen, die heute aus voller Überzeugung sagt:
Das Leben ist schön.
Punkt.











