Zwischen Maroniduft und Lichtermeer
Über Halloween, Allerheiligen und Allerseelen, über unsere Verstorbenen und das Leben, das uns verbindet
Wenn ich an Allerheiligen denke, rieche ich sofort warme Maroni, sehe meine geliebte Oma vor mir und erinnere mich an unsere jährlichen gemeinsamen Besuche am Familiengrab in Eisenerz.
Vor dem Friedhofstor stand jedes Jahr ein Maronibrater, bei dem ich ein Sackerl Maroni bekam, und diese Erinnerung gehört bis heute zu den schönsten meiner Zeit mit ihr. Der gemeinsame Friedhofsbesuch und die warmen Maroni sind in mir so eng miteinander verbunden, dass mit dem einen sofort auch das andere wieder da ist.
Meine Oma ist viel zu früh gestorben, und doch lebt etwas von unserem Miteinander in diesen Erinnerungen weiter, mit einer Wärme, die ich heute noch fühlen kann.
Es berührt mich, dass gerade ein Friedhofsbesuch einen so schönen Platz in meiner Kindheit gefunden hat, eingebettet in das Gefühl, mit meiner Oma unterwegs und an ihrer Seite geborgen zu sein.
Auch die Übernachtungen bei meiner Kusine und meiner Taufpatin gehören für mich zu diesen Tagen. Meine Taufpatin leitete eine Bestattung, und das Kinderzimmerfenster ging in Richtung Friedhof, der gerade zu Allerheiligen zu einem richtig schönen Lichtermeer wurde.
Schon als Kind fand ich diesen Anblick wunderschön, friedlich und berührend, und ich erinnere mich bis heute daran, wie besonders dieser Blick aus dem Fenster war.
Tagsüber waren meine kleine Kusine und ich selbst am Friedhof unterwegs und legten kleine Kränze und Blumen auf Gräber, deren letzter Besuch schon lange zurückzuliegen schien. Mit dieser kleinen Geste schenkten wir auch diesen Menschen einen Platz im Erinnern, auf unsere eigene, kindliche Weise. Und wir hatten eine Menge Spaß dabei.
Wenn ich heute daran denke, berührt mich die Selbstverständlichkeit, mit der wir das getan haben, und wie früh für mich Friedhof, Fürsorge, Schönheit und Verbundenheit zusammengefunden haben.
Halloween kam erst mit meinen eigenen Kindern in mein Leben, als sie das Fest aus der Schule mitbrachten, mit ihrer Begeisterung für das Verkleiden und dem Wunsch, gemeinsam mit Freundinnen von Haus zu Haus zu ziehen.
Dazu gehörte natürlich auch das große Süßigkeitenzählen am Ende des Abends, wenn die Ausbeute ausgebreitet wurde und jedes einzelne Stück Aufmerksamkeit bekam.
Ich habe über die Jahre viele Halloweenbuffets gerichtet und jedes Jahr das Haus dekoriert, weil Kinder Feste im Jahreskreis lieben und sich auf all das freuen, was einen bestimmten Tag besonders macht. Das Vorbereiten, die Verkleidungen, die Aufregung und die gemeinsamen Erlebnisse wurden auf diese Weise auch Teil unseres Familienlebens.
So hat Halloween seinen Platz bei uns gefunden, mit einer ganz anderen Stimmung als Allerheiligen und doch unmittelbar daneben, mitten in diesen Herbsttagen, die so viele unterschiedliche Seiten des Lebens in sich tragen.
Am einen Tag ziehen verkleidete Kinder lachend durch die Straßen, am nächsten leuchten Kerzen auf den Gräbern, während ganze Familien zusammenkommen und sich an ihre Verstorbenen erinnern.
Für mich darf all das nebeneinander Platz haben, weil auch das Leben selbst voller solcher Übergänge ist.
Ein Brauch, der mich schon viel länger begleitet, ist der Allerheiligenstriezel, den man seinem Patenkind schenkt.
Ich mag solche Bräuche, weil in ihnen Beziehung sichtbar und greifbar wird, durch etwas, das jemand für einen anderen Menschen vorbereitet, auswählt oder selbst bäckt. Ein Striezel trägt auf diese Weise auch ein Stück Zugehörigkeit in sich, eine Verbindung zwischen Menschen und zwischen den Generationen.
Allerheiligen am 1. November ist im katholischen Jahreskreis das Fest aller Heiligen, während Allerseelen am 2. November dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet ist. In meinem eigenen Erleben haben sich diese Tage vor allem mit Allerheiligen verbunden, mit dem Besuch am Familiengrab, mit Kerzen, mit Erinnerungen und mit dem Zusammensein.
Halloween liegt am Vorabend von Allerheiligen, worauf auch sein Name verweist, während Samhain aus der irischen Überlieferung stammt und den Übergang in die dunkle Jahreszeit markiert. Rund um diese Tage begegnen einander unterschiedliche religiöse und kulturelle Traditionen, die über die Jahrhunderte jeweils ihre eigenen Formen angenommen haben.
Für mich persönlich ist Allerheiligen der vertraute Bezugspunkt geblieben, weil dieses Fest zu meiner Kindheit und meiner eigenen Geschichte gehört.
Samhain hat in meinem persönlichen Erleben einen anderen Stellenwert, weil ich mit Allerheiligen aufgewachsen bin und meine Verbindung zu meinen Ahninnen ohnehin durch das ganze Jahr hindurch pflege.
Ich denke an sie, arbeite mit ihnen und empfinde ihre Verbundenheit als etwas, das meinen Alltag begleitet, getragen von meiner persönlichen spirituellen Sicht auf das Leben und die Seele.
Diese Beziehung hat ihren Platz auch zwischen den besonderen Tagen, in Gedanken und Erinnerungen, in meiner inneren Arbeit und in dem Bewusstsein, dass vor mir bereits viele Frauen gelebt, geliebt, getragen und ihren Weg gesucht haben.
Gleichzeitig spüre ich Ende Oktober sehr deutlich, wie sich mein eigener Rhythmus verändert, weil es draußen kalt und nebelig wird und sich das Leben zunehmend ins gemütlich warme Haus verlagert.
Das Feuer bekommt wieder mehr Bedeutung, die Räume werden zu einem warmen Rückzugsort, und in mir wächst das Bedürfnis, näher bei mir selbst anzukommen. Nach den Monaten, in denen so viel draußen stattgefunden hat, beginnt nun die Zeit der Innenkehr, mit mehr Wärme, mehr Stille und mehr Raum für das, was sich in mir bewegt.
Dieses Allerheiligen fühlt sich besonders an, weil meine Schwiegermama, unsere Oma, vor drei Wochen gestorben ist. Ihr Tod ist so nah, und die Zeit ihrer Begleitung bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus gehört inzwischen zu unserer gemeinsamen Familiengeschichte, mit allem, was sie in uns berührt und verändert hat.
Wir werden Allerheiligen als Familie verbringen, ich werde gutes Essen kochen, und wir werden uns Zeit füreinander nehmen, für Gespräche und für das Zusammensein.
Gerade jetzt fühlt sich das für mich stimmig an, weil in der Fürsorge füreinander so viel von dem sichtbar wird, was uns als Familie trägt. Einen Tisch zu decken, etwas Gutes zu kochen und gemeinsam zu essen, ist auch eine Form, dem Leben Raum zu geben, während die Trauer mit am Tisch sitzt.
Unsere Verstorbenen gehören zu uns, und zugleich sitzen wir hier, mit unseren Geschichten, unseren Gefühlen und mit der Zeit, die wir miteinander verbringen dürfen.
Wenn ich auf diese Tage schaue, sehe ich meine Oma und die Tüte Maroni, das Lichtermeer vor dem Kinderzimmerfenster und zwei kleine Mädchen, die Blumen auf Gräber legen.
Ich sehe meine Kinder in ihren Halloweenverkleidungen, die vorbereiteten Buffets und die Süßigkeiten, die am Ende des Abends gezählt werden, und ich sehe den Familientisch, den ich dieses Jahr zu Allerheiligen decken werde.
In all diesen Bildern liegt für mich etwas von dem, was ich mit „Das Leben ist schön. Punkt.“ meine: die Wärme zwischen Menschen, das gemeinsame Erleben und die Liebe, die uns auch durch Abschiede hindurch begleitet.
Die Schönheit des Lebens zeigt sich für mich gerade in solchen Augenblicken, die wir miteinander teilen und die später zu unseren kostbarsten Erinnerungen werden.
Eine Tüte warme Maroni kann diese Wärme über Jahrzehnte bewahren, bis ich heute wieder an meine Oma denke und spüre, wie viel von unserer gemeinsamen Zeit in mir weiterlebt.











