Die Unsterblichkeit der Seele
Wenn wir eine neue Türe öffnen

Was ist die Seele, und wie viel von dem, was uns als Menschen ausmacht, lässt sich überhaupt in Worte fassen? Diese Frage hab ich mir schon oft gestellt und auch meine Soulis stellen mir die Frage immer wieder.
Mich beschäftigt diese Frage besonders dann, wenn ich an einem Bett sitze, eine vertraute Hand halte und spüre, wie kostbar dieses Leben in einem Körper ist. Dieser Mensch mit seiner Geschichte, seiner Stimme, seinem unverwechselbaren Blick, seinen Eigenheiten und allem, was wir miteinander erlebt haben.
Wo sitzt die Seele, fragst du dich vermutlich, und viele Menschen würden dir antworten, dass sie im Herzen zu Hause ist.
Für mich ist die Seele ein komplexes Gebilde, das unseren ganzen Körper durchdringt. Jedes unserer Organe ist beseelt, unsere Augen sind beseelt, unser gesamtes Wesen ist beseelt, und in allem, was wir sind, findet sie ihren Ausdruck. In unserem Lachen, in einer Berührung, in der Art, wie wir einen Raum betreten, und in diesem besonderen Leuchten, an dem wir einen geliebten Menschen erkennen.
Hast du schon einmal einen verstorbenen Menschen betrachtet, den du zu Lebzeiten gut gekannt hast?
Dann kennst du womöglich diesen Moment, in dem du sein vertrautes Gesicht siehst und zugleich spürst, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat. Die Hände, die so vieles gehalten haben, liegen still auf der Decke, und der Körper, der diesen Menschen durch sein Leben getragen hat, ruht vor dir.
Für mich wird dort sichtbar, was Beseeltheit bedeutet: die Seele hat ihr Fahrzeug für diese Inkarnation verlassen, und zurück bleibt der Körper, dem wir unsere letzte liebevolle Fürsorge schenken.
Zeit für ein Experiment: schau dir einmal ganz bewusst eine brennende Kerze an und lass dir Zeit dafür, sie mit all deinen Sinnen wahrzunehmen.
Du siehst ihre Flamme und die unterschiedlichen Farben darin, den hellen Schein um sie herum, ihre Aura, wie ich sie nenne und den Docht, der in ihrer Mitte dunkel glimmt. Du spürst ihre Wärme und riechst diesen besonderen, heimeligen Geruch, der einen Raum auf so vertraute Weise erfüllen kann.
Die Kerze ist da, und zugleich reicht ihre Wirkung weit über das Wachs hinaus, aus dem sie besteht. Ihr Licht berührt die Wände des Raumes, ihre Wärme erreicht deine Hände, und ihre Gegenwart verändert die Atmosphäre im Raum.
So empfinde ich einen beseelten Menschen.
Jetzt blase die Kerze aus und betrachte genau, was zurückbleibt: der Docht, das Wachs, die vertraute Form, die langsam abkühlt, während sich der letzte Rauch in die Luft erhebt.
Dieses Bild kommt dem sehr nahe, was ich beim Tod eines Menschen empfinde. Der Körper bleibt zurück, während das, was ihn durchleuchtet und von innen heraus lebendig gemacht hat, weitergezogen ist.
Das klingt für dich eventuell jetzt hart, und für mich liegt darin eine tiefe Wahrheit, die ich selbst erfahren habe.
Ich habe gesehen, wie ein Mensch seinen letzten Atemzug genommen hat, und ich habe diesen Augenblick als das Verlassen der Seele erlebt. Mitten in diesem Geschehen stellte sich ein Frieden ein, begleitet von einer Stille, die den ganzen Raum erfüllte.
Da wirst du ehrfürchtig und demütig, während du vor dem großen Geheimnis des Lebens stehst.
Du wirst dankbar für diesen Körper, der über so viele Jahre seine treuen Dienste geleistet hat, der getragen, geatmet, geliebt, gearbeitet und so vieles ausgehalten hat. Jetzt darf er ruhen und langsam in Mutter Naturs Schoß zurückkehren.
Die Seele aber zieht für mich feinstofflich weiter, zurück dorthin, woher sie ursprünglich gekommen ist.
„Tanja, und was geschieht mit dem Ego?“, lautet dann vielleicht deine Frage, die für mich ganz wesentlich zu diesem Thema gehört.
Ich sehe unser Ego als eine Art "Lebensversicherung", die uns durch unser irdisches Dasein begleitet. Es schützt unsere Identität, hält unsere Geschichte zusammen und sorgt dafür, dass wir unseren Platz in dieser Welt behaupten.
Manche von uns sind dabei chronisch überversichert, und ich sage das mit einem liebevollen Blick auf unser Menschsein.
Bei manchen Menschen spricht das Ego sehr laut, bei anderen begleitet es das Leben mit einer leiseren Stimme. Es möchte Sicherheit, Vertrautheit und möglichst verlässliche Abläufe, weshalb Veränderungen es oft gehörig aufrütteln.
Unser Seelenweg führt uns jedoch immer wieder über Schwellen, an denen wir etwas Vertrautes aus den Händen geben und uns einem neuen Abschnitt anvertrauen dürfen.
Die letzte große Schwelle dieses Lebens ist für mich der Tod.
Auch dort habe ich Momente erlebt, die ich als ein Ringen um das Loslassen empfunden habe. In meiner spirituellen Deutung gehört dazu auch das Ego, das seine vertraute Aufgabe abgibt und abdankt, während sich die Seele von ihrer irdischen Identität löst.
Solche Augenblicke haben mich tief berührt, gerade weil darin so viel von unserem menschlichen Festhalten und unserer Verletzlichkeit sichtbar wurde.
Mit dem Ende dieses Lebens endet für mich auch die Aufgabe des Egos in dieser Gestalt, während der Geist mit der Seele weiterzieht, zurück in den Schoß des Universums.
Ich stelle mir diesen Ort wohin wir zurück kehren gerne wie ein Sanatorium vor, wie eine Kur für die Seele nach den Strapazen des Lebens.
Wenn ich dieses Bild in mir entstehen lasse, spüre ich etwas Tröstliches: ankommen dürfen, ausatmen dürfen, mich erholen dürfen und all das heilen lassen, was auf dem langen Weg durch dieses Leben wund geworden ist.
Wir schauen auf unser Leben zurück, auf unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen und auf die Spuren, die wir hinterlassen haben. Wir erkennen, wo wir aus Liebe gehandelt haben und wo uns unsere Angst geführt hat, wo wir unserem innersten Wesen nahe waren und wo wir uns selbst aus den Augen verloren haben.
Die Instanz, vor der wir dabei stehen, ist in meiner Vorstellung unser eigenes, tiefes Erkennen.
Uns selbst steht zu, auf dieses Leben zu schauen und es in seiner ganzen Wahrheit zu betrachten, mit allem, was darin gelungen ist, und mit allem, was nach Heilung ruft.
Durch mein eigenes Nahtoderlebnis trage ich die Gewissheit in mir, dass wir dabei begleitet und getragen sind. Ich habe dieses Geborgensein erfahren, und daraus erwächst mein Vertrauen in Schutzengel, feinstoffliche Begleiter und Ahninnen und Ahnen, die uns vorausgegangen sind.
Diese Erfahrung lebt in mir weiter und prägt meinen Blick auf das Sterben ebenso wie meinen Blick auf das Leben.
Wenn wir über Wiedergeburt sprechen, taucht rasch die Frage auf, wann eine Seele wieder zurückkehrt und wie viel Zeit zwischen zwei Leben vergeht.
Für mich gehören unsere Uhren, Kalender und Jahreszahlen zu dieser irdischen Erfahrung, in der wir als Menschen leben. Mit dem Tod treten wir nach meinem Empfinden aus dieser vertrauten Ordnung von Zeit und Raum heraus und gehen in eine andere Wirklichkeit über.
Dort bekommt auch die Frage nach dem Wann eine andere Bedeutung.
Ich vertraue darauf, dass die Seele wiederkehrt, wenn sie sich einer neuen Erfahrung zuwendet, einem weiteren Leben und einer weiteren Wegstrecke ihres Seins.
In diesem Vertrauen liegt für mich etwas sehr Friedliches, weil mein heutiges Leben dadurch Teil eines größeren Zusammenhangs wird. Ich habe gelebt, ich lebe, und ich werde wieder leben, in anderen Gestalten, mit anderen Aufgaben und mit neuen Möglichkeiten, mich zu erfahren.
Der Tod verliert für mich viel von seinem Schrecken, wenn ich mir bewusst mache, dass dieses Leben eine Wegstrecke meiner Seele ist.
Gleichzeitig bleibt der Abschied von einem geliebten Menschen zutiefst menschlich, denn meine Arme sehnen sich nach seiner Umarmung, meine Ohren nach seiner Stimme und mein Herz nach den vertrauten Momenten unseres gemeinsamen Alltags.
Trauer und Vertrauen dürfen dabei miteinander leben, so wie Tränen und Dankbarkeit aus derselben Liebe entstehen können.
Meine Sicht auf die Unsterblichkeit der Seele schenkt mir Raum für beides: für das schmerzliche Vermissen und für die tiefe Verbundenheit, die ich über den Tod hinaus empfinde.
Und sie erinnert mich daran, wie kostbar es ist, jetzt hier zu sein, mit diesem Körper, diesen Menschen und all den Möglichkeiten, Liebe spürbar werden zu lassen.
Eines Tages werde auch ich meinen Körper zurückgeben und die nächste Tür öffnen, getragen von dem Vertrauen, dass meine Seele ihren Weg fortsetzt.
Bis dahin möchte ich dieses Leben bewohnen, mit offenen Sinnen, mit einem fühlenden Herzen und mit Dankbarkeit für die Zeit, die mir hier geschenkt ist.
Das Leben ist schön. Punkt.











