Wo Licht und Dunkel sich begegnen
Vielleicht erinnerst du dich als treue BlogleserIn, zur Sommersonnenwende schrieb ich über die Lieblingszeit des Jahres meines Lebenspartners und darüber, wie genau er jeden zusätzlichen Lichtstrahl am Abend beobachtet.
Jeden Tag wurde es ein bisschen länger hell, jeden Abend ergaunerten wir uns ein paar Minuten mehr Zeit für unsere gemeinsamen Hunderunden.
Und irgendwann kam dieser eine Abend, an dem er mit leuchtenden Augen feststellte, dass es um 20 Uhr noch immer hell ist und dabei hatte er beinahe selbst mit der Sonne um die Wette gestrahlt.
Damals, also im Juni, saßen wir auf unserem Hof im Südburgenland und sprachen darüber, dass ausgerechnet der längste Tag des Jahres zugleich jener Wendepunkt ist, von dem an das Licht langsam wieder zurückgeht.
Erst beinahe unmerklich und dann, mit jedem weiteren Tag, ein wenig deutlicher. Inzwischen liegt dieser Abend schon wieder drei Monate zurück. Verrückt oder?
Die Sonne verschwindet wieder täglich früher hinter den burgenländischen Hügeln, auf unseren abendlichen Hunderunden begleitet uns nun immer öfter die Dämmerung, und über den Wiesen liegt am Morgen bereits dieser feuchte, silbrige Schleier, der den Herbst ankündigt. (inklusive der ungeliebten Spinnweben im Wald)
Die Kastanien öffnen ihre stacheligen Hüllen, und die Räubertochter und ich sammeln sie Körbeweise am Spielplatz, die ersten gelben Blätter lösen sich von den Bäumen, und im Garten lichten sich die Hochbeete und die Wintersalate werden ausgepflanzt.
Morgen ist Herbst Tag und Nachtgleiche.
Für einen kurzen Augenblick stehen Licht und Dunkelheit einander beinahe gleichwertig gegenüber. Zwölf Stunden Tag und zwölf Stunden Nacht.
Man könnte poetisch sein und schreiben, ein vollkommener Moment zwischen dem, was war, und dem, was kommt.
Ich mag diesen Gedanken, weil Gleichgewicht für mich lange etwas bedeutete, das man irgendwann erreicht und anschließend festhalten kann. (Denkste!)
Als gäbe es diesen EINEN Punkt im Leben, an dem alles geordnet ist, alle Aufgaben erledigt sind, alle Fragen beantwortet wurden und jeder Bereich seinen vorgesehenen Platz gefunden hat.
Doch die Natur erzählt uns eine andere Geschichte. Ihr Gleichgewicht ist lebendig. Es entsteht aus ständiger Bewegung, aus fortwährendem Wandel und aus dem ewigen Pendeln zwischen Werden und Vergehen, zwischen Fülle und Rückzug, zwischen Licht und Dunkelheit.
Schon morgen wird die Dunkelheit wieder ein kleines Stück mehr Raum einnehmen.
Die Abende werden länger, das Leben zieht sich langsam von draußen nach drinnen zurück, und auch wir werden wieder häufiger an unserem blauen Ofen in der Küche sitzen, während draußen der Wind über den Hof streicht.
Ich fühle tief in mir, genau darin liegt die Einladung dieser nahenden Herbst-Zeit.
Nach einem extrem heißen Sommer voller Licht, Wachstum, Arbeit, Ernte und Leben dürfen wir nun wieder leiser werden.
Wir dürfen sammeln, was in uns gereift ist. Wir dürfen würdigen, was uns dieser Sommer geschenkt hat. Und wir dürfen manches der Erde übergeben, dessen Zeit vorüber ist.
Die Bäume zeigen uns so wunderschön, wie bunt Loslassen aussehen kann.
Sie kämpfen um kein einziges Blatt und halten keinen Sommer fest, dessen Zeit sich erfüllt hat. Sie lassen ihre Blätter in den schönsten Farben leuchten und geben sie anschließend vertrauensvoll dem Wind mit.
Welch eine stille Form von Würde darin liegt, nicht wahr?
In meinen Detoxräumen habe ich immer betont, Loslassen bedeutet viel weniger, etwas zu verlieren, und viel mehr, dem Leben wieder freie Hände hinzuhalten.
Für das, was zu uns kommen möchte.
Auch für das, was in der Dunkelheit heranreifen darf.
Für jene Teile in uns, die erst in der Stille wieder hörbar werden.
Wir feiern so gerne das Licht, den Aufbruch, die Blüte und all das, was nach außen sichtbar wird. Doch auch die Dunkelheit trägt Leben in sich.
In ihr ruhen die Samen und in ihr regeneriert sich die Erde. In ihr sammeln wir unsere Kräfte und begegnen jenen inneren Räumen, die im hellen Trubel des Sommers kaum eine Stimme bekommen.
Die Herbst Tag und Nachtgleiche erinnert mich daran, dass beides zu einem ganzen Leben gehört. Die Freude und die Trauer, das Ankommen und das Abschiednehmen. Das Festhalten und das Freigeben, das laute Lachen an einem langen Sommerabend und die stille Hand, die wir einem Menschen in seiner dunkelsten Stunde reichen.
Besteht die Kunst des Lebens darin, das Licht aus ganzem Herzen zu genießen und zugleich der Dunkelheit einen würdigen Platz einzuräumen?
Ein Leben in Balance entsteht dort, wo alles zu uns gehören darf, so fühle ich das.
Heute, am Abend vor der Herbst Tag und Nachtgleiche, werde ich noch einmal bewusst über unseren Hof gehen. Ich möchte die letzten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht bewusst spüren, den Duft der Erde und der letzten blühenden Rosen tief einatmen und meinen Blick über all das schweifen lassen, was in diesem Sommer gewachsen ist.
Über den Garten, der uns so reich beschenkt hat.
Über die Tiere, die ihren eigenen Rhythmus längst gefunden haben.
Über unser Zuhause, das sich mit jeder Jahreszeit ein wenig verwandelt.
Und über mein eigenes verrücktes Leben, das ebenso zyklisch ist wie die Natur.
Auch ich befinde mich gerade in einer Zeit, in der im Verborgenen bereits etwas Neues entsteht.
Morgen reichen Licht und Dunkelheit einander für einen Augenblick die Hand.
Und auch du darfst genau dort stehen, mitten zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden, mit dankbarem Herzen, offenen Händen und dem tiefen Vertrauen, dass jede Zeit ihre eigene Schönheit trägt.
Der Sommer darf gehen. DANKE für all die wunderschönen Momente mit dir.
Der Herbst darf kommen. Ich freu mich auf dich!
Wir dürfen mitgehen. Denn das Leben findet in jeder Jahreszeit statt.
Das Leben ist schön. Punkt.
Naeli











