16. Januar 2026
Diese Geschichte ist ein Manifest, ich notiere sie für mich und meine Kinder, weil man schnell vergisst, doch ich möchte nichts vergessen, denn diese Geschichte hat mich zu der gemacht, die ich heute sein darf, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich war etwas über fünfzehn, als ich meinen ersten Mann kennengelernt habe. Meine erste große Liebe. Wir sind zusammen erwachsen geworden, haben Entscheidungen getroffen, von denen wir glaubten, sie seien für immer, und waren uns ziemlich sicher, dass unser Leben ungefähr so laufen wird, wie wir es uns in den buntesten Farben ausgemalt haben – wenn wir uns nur genug anstrengen. Wir sind gemeinsam in die Großstadt gezogen, haben studiert, fantastische Zukunftspläne gesponnen und ganz bald unser erstes Wunschkind in den Armen gehalten. Wegen ihr sind wir an den Stadtrand gezogen, raus aus dem Lärm und rein ins Grüne. Hausbau mit 22, rückblickend frage ich mich heute noch, woher wir diesen Mut genommen haben, aber damals erschien uns das völlig logisch. Geheiratet mit 26, zweite Tochter mit 27, dritte Tochter mit 30. Drei kleine Kinder, ein kleines Reihenhaus im Grünen und finanziell immer eher sportlich unterwegs (positiv formuliert). Ich in Teilzeitarbeit, er ein Vollverdiener, wer erinnert sich noch an die Wirtschaftskrise ?– und ich mit einem Studienabschluss mit Auszeichnung in der Tasche und dem lauten Wunsch, nicht nur als Mama zu funktionieren, sondern auch beruflich meinen Platz zu finden. Am liebsten an der Uni. Mein Mann war sehr erfolgreich in seinem Job. Und er hatte einen Traum, das Segeln. Dieser Traum war plötzlich da und ließ ihn einfach nicht mehr los. Und wie das so ist, wenn jemand einen Traum hat, der größer wird als der Alltag: er rannte los, machte Prüfungen, viele Kurse, lernte eifrig ganze Nächte durch. Wir hatten diesen gemeinsamen Traum von einer Weltumsegelung, irgendwann, mit den Mädels. Ein großes Irgendwann, das sich echt gut anfühlte. In der Nacht vor der großen Prüfung für den Fahrtenbereich 3 hat ihm der Sturm das Leben genommen. Er ist im Meer ertrunken. Mit 37. Mitten aus dem Leben gerissen. Ich war 33. Drei kleine Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Wir hatten Schulden und viel Verantwortung. Und da gab es einen Moment, der sich eingebrannt hat wie kein anderer. Als die Krisenintervention der Polizei vor mir stand, sah ich nur deren Ärmel – dieses Abzeichen mit dem Schriftzug "KRISENINTERVENTION" und ich wusste sofort, die sind nicht wegen einer Kleinigkeit da. Mein Mann, der Papa meiner Kinder, ist tot. Und er wird nie mehr zurückkommen. Ich hatte keine Zeit zu trauern, wirklich keine. Drei Halbwaisen wollten gehalten werden, eine schwangere Schwägerin, verwaiste Eltern und Freunde, die selbst nicht wussten, wohin mit ihrem Schmerz. Dazu finanzielle und rechtliche Baustellen, für die man normalerweise Jahre hat – ich hatte Wochen, für manches nur Tage. Ich habe NIE gefragt, warum. Nicht aus Stärke, sondern aus einer tiefen Überzeugung heraus, dass das Leben keinen Fehler macht. Dass man nur das bekommt, was man auch tragen kann. Also bin ich losgegangen. Für meine Töchter und für mich selbst. Die Nächte waren dunkel und lang. Manchmal dachte ich beim Aufwachen, alles sei nur ein böser Traum gewesen und dann war sofort wieder klar: nein, das ist real. Und nein, ich bin kein Einzelschicksal. Es passiert jeden Tag. Viele sagten damals, ich sei so stark. Und ja, vielleicht war ich das. Oder ich hatte einfach keine Zeit, es mir anders zu überlegen. Aufgeben war keine Option. Punkt. Spiritualität spielte zu dieser Zeit keine Rolle in meinem Leben. Ich hätte vermutlich nicht einmal erklären können, was das genau sein soll. Und doch war genau der Tod meines Mannes meine Einweihung, also mein Aufwachmoment. Ich erlebte Dinge, über die man nicht laut spricht, weil man sonst schnell in eine Schublade gesteckt wird. Wahrnehmungen, Begegnungen, Hilfen, kleine und große Wunder. Kurz vor seinem Tod war der Wunsch nach einem Hund bei den 3 Mädels und mir sehr groß gewesen. Mein Mann war kein Tierfreund und hatte gesagt: „Wenn ich einmal nicht mehr da bin, dann holt ihr euch einen Hund.“ Kinder vergessen so etwas nicht. Und so kam über Umwege nicht nur ein Hund zu uns – Olivia Ahyoka, die Friedvolle, die Fröhlichkeit brachte – sondern auch eine Frau, die unser Leben nachhaltig verändern sollte. Christina. Geistheilerin. Damals war mir dieser Begriff völlig fremd, aber ich vertraute der Empfehlung meiner Freundin. Sie begleitete die Seele meines Mannes, half meinen Kindern und half mir. Monate lang. Und das täglich. Rückblickend war das eine der größten Geschenke dieser Zeit: Hilfe annehmen zu können. Mein einziges Ziel war, die ersten zwölf Monate nach seinem Tod zu bestehen. Jeden Moment das erste Mal allein zu erleben. Geburtstage, Feiertage, Jahrestage. Und ja – wir haben jeden einzelnen Tag gerockt. Nach einem Jahr schrieb ich einen Brief. Einen Text. Ein Zeugnis dieses Weges. Du kannst ihn hier nachlesen. Jahre später erst meldete sich mein Körper. Ich bekam Panikattacken. Unterdrückte Gefühle, ein Riss im Urvertrauen. Und auch das durfte ich lernen: nicht gegen sie zu kämpfen, sondern ihnen zuzuhören. Die Panik als Wächterin zu sehen, die sagt: Tanja jetzt bitte wieder langsamer. Es war kein einfacher Weg (und zwischendurch dachte ich ca 1000 Mal dran alles hinzuschmeissen). Aber wir haben auch den geschafft. Relativ kurz nach dem Tod meines ersten Mannes trat ein neuer Mann in mein Leben. Ungeplant, und doch, wie sich ganz bald herausstellte, sehr wohl verabredet. Mit ihm gehe ich nun seit über zehn Jahren durchs Leben. Wir sind eine Patchworkfamilie, 6 Kinder, großes Chaos, lautes Lachen, viel Überforderung und ganz viel Wachstum durch Reibung. Und ja – wir durften noch eine gemeinsame Tochter bekommen. Unsere Räubertochter. Die, die alles verbindet. In den letzten 6-7 Jahren wurde der Wunsch nach örtlicher Veränderung immer lauter. Vor über 6 Jahren träumte ich eines Nachts von einem blauen Ofen, einem Tischherd mit Brotbackofen. Meine Träume tragen häufig Botschaften, also hörte ich genau hin. Wir suchten also sechs Jahre lang nach diesem Ofen. Nichts. Wir verwarfen die Idee irgendwann, dachten über eine Weltreise nach und verwarfen auch das. Im Frühling 2025 schickte mir Christina, ja jene Frau, die mir Jahre zuvor in einer Zeit den Rücken gestärkt hatte, in der nichts mehr sicher schien – ganz unspektakulär einen Facebook-Link und schrieb dazu nur: „Schau, hier ist dein blauer Ofen.“ Ich klickte drauf. Und irgendetwas in mir wusste sofort, noch bevor der Kopf überhaupt mitreden durfte: Den schauen wir uns an. Einfach so. (oder der gehört uns?) Wir fuhren also hin, 30 Minuten später standen wir wieder draußen, sahen einander an und lachten dieses ungläubige Lachen, das man hat, wenn man merkt, dass gerade etwas entschieden wurde, ohne dass man es geplant hat. Unser Für-immer-Zuhause. Südburgenland. Jetzt und nicht irgendwann. Lustigerweise war es genau dieses Jahr, in dem 2 unserer Kinder maturierten, eines die Pflichtschule abschloss und die Jüngste ihr letztes Kindergartenjahr hatte – rückblickend also jener Moment, den man später als perfektes Timing bezeichnet, obwohl man ihn in Wahrheit einfach nur gefühlt hat. Wir fanden eine schnuckelige Studentenwohnung für die 2 Großen, neue Schulen für die Kleinen und verkauften unser altes Haus in Rekordzeit und standen plötzlich da, mit Sack und Pack, Hunden und Katze, mitten im Sommer 2025 im Südburgenland und fragten uns kurz, sehr kurz nur, ob wir eigentlich noch ganz bei Trost sind – um im nächsten Moment zu wissen: Ja, genau so. Hier leben wir nun, am Krafthof Naeli, einem Ort, der nicht geplant war, sondern uns zu sich gerufen hat. Naeli ist mein Seelenname. Er kam zu mir vor Jahren in einer Meditation am Meer und er bedeutet: Gott liebt dich. Hier steht nun der blaue Ofen aus meinem Traum, 100 Jahre alt, und so wie ich mit Pflanzen spreche, spricht auch er mit mir. Er wünscht sich ein Fest. Also backe ich Brot, pflanze im Frühling Gemüse, werde Kräuter wachsen lassen und lerne jeden Tag ein Stück mehr, langsamer zu werden. Hier im Südburgenland scheint die Sonne öfter, das Gras ist grüner, der Wein schmeckt süßer, oder vielleicht habe ich einfach gelernt, genauer hinzuschmecken. Hier gehe ich auf den Spuren meiner AhnInnen aus Ungarn. Hier fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zuhause. Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich: jeder Stein war wichtig, wirklich jeder einzelne. Und sie tragen mich. Das Leben ist kein Ziel. Es ist der Weg selbst. Das Leben ist schön. Punkt. Naeli